Magazin : Rambo mit Fliegenkultur

Alternative zum Zeitschriftenmainstream: Oliver Gehrs und sein „Dummy“, das etwas andere Magazin, das bereits zum 32. Mal erscheint.

Pose des Außenseiters, des Medienrebells. Oliver Gehrs, 43, widmet sich in jedem seiner „Dummy“-Hefte einem bestimmten Thema: Sex, Behinderte, Juden, Berlin. Foto: Monika Patzig
Pose des Außenseiters, des Medienrebells. Oliver Gehrs, 43, widmet sich in jedem seiner „Dummy“-Hefte einem bestimmten Thema: Sex,...

Auch wenn er nicht bei jeder Ausgabe gleich zu erkennen ist: Der Untertitel, den „Dummy“-Herausgeber Oliver Gehrs seinem Magazin gegeben hat, fehlt auf keinem Cover. „Unabhängiges Gesellschaftsmagazin“ lautet er, womit das Programm von „Dummy“ kurz und treffend beschrieben ist, ökonomisch und inhaltlich. Auf Unabhängigkeit legt Gehrs viel Wert. Das schwingt in vielen seiner Editorials zwischen den Zeilen mit, wenn er zum Beispiel in der Ausgabe über Behinderte den Leser direkt anspricht: „Sehen Sie sich als publizistisch herausgefordert an.“ Das steht noch offener in dem Vorwort des von Gehrs und seiner Lebensgefährtin Natascha Roshani herausgegebenen „großen Dummy-Buches“, das im Schweizer Verlag Kein & Aber erschienen ist und ein Best- und Worst-Of aus 30 „Dummy“-Heften darstellt. Sein seit 2003 vierteljährlich erscheinendes Magazin entspreche „nicht einem einzigen Kriterium“, schreibt Gehrs, „das Verlage heutzutage anlegen, wenn sie eine neue Zeitschrift entwickeln.“ Und: „Die Werbekunden wollen keine politischen Artikel, keine Gewalt, keinen Sex im Umfeld ihrer Anzeigen? Dann erst recht. Behinderte auf dem Cover gehen nicht? Mal sehen. Über Juden kann man in Deutschland nicht schreiben? Und ob. Und wer kann denn mal der Familienministerin auf dem Cover eine Pimmelnase malen?“

Wenn man sich mit dem 43-jährigen Oliver Gehrs in seinem Büro in Berlin-Mitte nahe dem Rosenthaler Platz unterhält, steht die „Dummy“-Unabhängigkeit gleichfalls im Zentrum seiner Erörterungen. Die kleinen Veränderungen im Gesicht von Ministerin Kristina Schröder erfreuen ihn auch hier: „Wer kann sich das schon erlauben?“ Und immer wieder betont er, eine „Zumutung“ darstellen, „Überraschungen“ anbieten zu wollen. Für den Leser, klar, „der sich darüber aber freut, der braucht das doch“ – und für den Zeitschriftenmarkt mit seiner ästhetischen und inhaltlichen Stromlinienförmigkeit, mit Produkten, die alle gleich aussehen oder sich nur um Zielgruppen kümmern.

„Dummy“ ist tatsächlich anders. Allein, weil sich jedes Heft einem bestimmten Thema widmet. Sex, Freiheit, Behinderte, Juden, Berlin. Oder genauso schlicht und dann gar nicht mal so unappetitlich: Scheiße. Um die geht es im neuesten, 32. „Dummy“-Heft, das heute erscheint. Die Texte und Reportagen in „Dummy“ sind durchweg gut geschrieben, die würden auch in jedem anderen Premiummedium gut stehen, sie sind mit vielen Medienpreisen ausgezeichnet worden. Was kein so großes Wunder ist. Oliver Gehrs war unter anderem beim „Spiegel“ und der „SZ“, als gelernter Medienredakteur weiß er, wen er auf welches Thema ansprechen kann, und an Ideen herrscht bei ihm und seiner vierköpfigen Redaktion kein Mangel.

Anders an „Dummy“ ist insbesondere auch die Gestaltung. Um die kümmert sich in jeder Ausgabe ein anderer Kreativdirektor. Leute, die „auf dem Sprung“ stehen. Auch Profis wie Walter Schönauer, der sich als Gestalter von „Tempo“, „Arch+“ oder der deutschen „Vanity Fair“ einen Namen gemacht hat. Heraus kommt eine Ästhetik, die gewöhnungsbedürftig ist. Auf den ersten Blick hat sie etwas von Punk und do it yourself. Auf den zweiten Blick verrät sie Hingabe und Mut zum gekonnten Ungewöhnlichen. Kein „Dummy“ soll dem anderen gleichen, jedes Heft eine Neuschöpfung sein. So wie es der Name nahelegt: Dummys heißen in der Branche die Nullnummern, die nie erscheinen, aber über Wohl und Wehe von neuen Zeitschriften entscheiden.

Lesen Sie auf Seite zwei: Gehrs ist ein bisschen Narziss und ein bisschen Rambo

Bei aller Unabhängigkeit muss auch Gehrs darauf achten, dass sich das sechs Euro teure „Dummy“ verkauft: 45 000 Exemplare sollen es pro Ausgabe sein. Die Hälfte davon werden im Einzelverkauf abgesetzt, dazu kommen 8000 Abonnenten sowie Firmen und Ketten, die das Heft zu Sonderkonditionen erwerben. „Eine schwarze Null“ schreibe „Dummy“, so Gehrs: „Wenn man verlegerisch glücklich werden und sich nicht die Inhalte von der Werbewirtschaft diktieren lassen will, benötigt man ein Finanzierungsmodell, das nicht allein auf Werbung setzt, sondern auf einen Mix aus Anzeigen, Vertriebserlösen und anderen Produkten.“ Mit Letzteren meint er den „Fluter“, das Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, das seit 2008 im Dummy Verlag redaktionell betreut wird. Und eine vom Bundesamt für Strahlenschutz herausgegebene und eine zeitlang bei Dummy mitproduzierte Informationszeitschrift zum Endlager Asse. Man könnte von „Querfinanzierung“ sprechen – oder von einem beruhigenden Polster im Rücken, das Planung und Gestaltung erleichtert.

Doch über ökonomische Widrigkeiten und Zahlen redet Gehrs nicht so gern. Da ist er ganz der Verleger, der nur nach vorn denkt. Der lieber über Texte redet, die andere aus unterschiedlichsten Gründen nicht drucken wollten, über tolle Fotostrecken, die bei anderen Magazinen viel zu lange herumlagen. Und der vor allem sein Heft und dessen zuweilen politischen Zugriff begeistert als die ultimative Alternative zum Zeitschriftenmainstream zu beschreiben weiß.

Gehrs gefällt sich in der Pose des Außenseiters, des Medienrebells, er eckt gern an. Und: Er macht auch als Model eine prima Figur, wie man im „Dummy-Buch“ unter der Überschrift. „Wie eitel ist das denn: Der Chefredakteur als multiple Persönlichkeit“ sehen kann. Hier die gute alte Kreuzberger Sozialisation, dort Mitte-Approach. Ein bisschen Narziss, aber natürlich gebrochen, ein bisschen Rambo, schon nicht mehr ganz so gebrochen, viel leidenschaftlicher Zeitschriftenmacher, dessen Vorbilder Sechziger-Jahre-Zeitschriften wie „twen“ und „Jasmin“ sind, deren „Inbrunst beim Blattmachen“.

Also ist klar, dass man sich mit ihm schließlich noch die Fahnen für das „Dummy“-Heft mit dem Thema Scheiße anschauen muss. Und das merkwürdige, an eine riesige Petrischale mit Haube erinnernde Gebilde auf einem der Büroschreibtische: eine Fliegenkultur, nur ohne Fliegen. „Wir züchten die hier, die sind für das Titelbild des neuen Heftes“, so Gehrs. Wie man sehen kann, sind die Fliegen nicht rechtzeitig geschlüpft. Aber auch das zeichnet ein „unabhängiges Gesellschaftsmagazin“ aus: Dass nicht alles auf Anhieb klappt.

Das große Dummy-Buch. Hrsg. von Oliver Gehrs und Natascha Roshani, Verlag Kein & Aber, Zürich, 2011. 492 S, 34,90 €.

1 Kommentar

Neuester Kommentar