Matthias Matschkes letzter "Polizeiruf" : Der Reiz scheint verblasst

Der MDR lässt Matthias Matschkes TV-Kommissar Köhler sang- und klanglos verschwinden. Nur ein Schauspieler kommt überraschend in diesem "Polizeiruf" vorbei.

Was bleibt? Die Kollegen Lemp (Felix Vörtler), Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke) starren auf die Überreste einer Hand.
Was bleibt? Die Kollegen Lemp (Felix Vörtler), Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke) starren auf die Überreste...Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erha

Ein Mann schmeißt seine geliebte Jacke vom Hochhaus, steigt grinsend in einen Flugdrachen und entschwebt. Nach minutenlangem Gleitflug über Duisburg endlich der erlösende Ruf „Scheiße!“, gleich zweimal der Spießerwelt von oben entgegengeschleudert. Götz George im Dezember 1991in seiner letzten TV-Folge als „Tatort“-Ermittler – was für ein Abschied. Diese Messlatte ist hoch. Matthias Matschke hat in seinen sechs Folgen als Hauptkommissar Dirk Köhler im MDR-„Polizeiruf“ keine TV-Epoche geprägt so wie Schimanski in den 1980ern. Und Sachsen-Anhalt ist nicht der Ruhrpott. Oder etwa doch? Ein bisschen mehr Wehmut dürfte es an diesem Sonntagabend jedenfalls schon sein.

Zum Abgang von Kommissar Köhler keine einzige Silbe im „Polizeiruf – Mörderische Dorfgemeinschaft“, dem ersten frischen Sonntagskrimi nach der Sommerpause. Eine klassisch-routiniert in sepiabraunen Bildern (Regie: Philipp Leinemann) erzählte Geschichte über einen Mordfall ohne Leiche (Buch: Katrin Bühlig).

90 Minuten lang beißen sich Köhler und Kollegin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) nach dem Fund eines blutverschmierten Autos am Beziehungsgeflecht einer verschwiegenen Gemeinschaft die Zähne aus. Ein gewisser Jurij Rehberg wird vermisst, ein Freigeist, ein Fremdkörper, Filou mit vielen Feinden. Die Einzige, die ihm eine Träne nachweint, ist die schwangere Verlobte, was am Ende zu einer relativ vorhersehbaren Auflösung führt – nicht ohne Kommentare zu 30 Jahren Mauerfall, Ost-West-Befindlichkeiten à la: „Damals war das noch ein anderes Land, da gab es überall Grenzen, da konnte man nicht so einfach weg.“ „Viel hat sich nicht verändert.“

Festzuhalten ist: kein Tribut für Matthias Matschke. Ein gebürtiger Marburger, anders als Claudia Michelsen, ein West-Import für den MDR, mit dem die Krimi-Fans ebenso wenig warm werden konnten wie mit Vorgänger Sylvester Groth, der nach fünf Folgen „Polizeiruf“ 2015 den Hut nahm. Scheint kein beliebter Job in Sachsen-Anhalt zu sein. Der Sender will Brasch/Michelsen erst mal alleine weiter ermitteln lassen.

Über Matschkes Beweggründe ist nicht viel bekannt. 2017 erzählte er im Tagesspiegel-Interview, dass es ihn gereizt hätte, etwas über die Stadt Magdeburg zu erzählen, die ja einen nicht ganz so guten Ruf habe. „Den hatte Berlin auch nicht, als ich vor 25 Jahren als hessisches Provinzkind in die Stadt kam. Ich war damals regelrecht schockiert. Heute könnte ich ohne diese hässliche Schönheit nicht mehr leben. Ein schlechter Ruf kann seinen Reiz haben.“

Das TV-Ermittler-Karussell dreht sich rasant

Der Reiz scheint verblasst. Kein Einzelfall: Das Ermittler-Karussell dreht sich rasant. Aylin Tezel in Dortmund, Sibel Kekilli in Kiel, Dresdner-„Tatort“-Team ausgetauscht wie die Schweizer Stefan Gubser und Delia Mayer, Devid Striesow im Saarland, Meret Becker und Maria Simon demnächst beim RBB. Die Motivlage? Bei vielen hält sich, wie man hört, die Waage zwischen Rauswollen und Rausgewollt-werden.

Schauspieler haben stets dasselbe Problem mit den Ermittlerrollen: Was kriegen sie zu spielen? „Wo waren Sie gestern Nacht?“ „Hatte Ihr Mann Feinde?“ Solch’ Dialog-Programm spult auch Kommissar Köhler/Matschke ab. Vielen Schauspielern ist das zu wenig, letzten Endes aber genau das, was die Zuschauer wollen, wie die Einschaltquote zeigt.

[„Polizeiruf 110: Mörderische Dorfgemeinschaft“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15]

Nur in horizontal angelegten Serien (wie es im Dortmunder und Berliner „Tatort“ oder auch in Matschkes ZDF-Reihe „Professor T.“ versucht wird) kann man anders erzählen als in Reihen. Wer einen singulären spannenden 90-Minuten-Krimi mit Tiefe und Emotionen hinlegen will, hat für private Befindlichkeiten der Kommissare keine Zeit.

Diese brauchen die Autoren für die zahlreichen Ermittler-Abschiede. Rausschreiben ist mühsam, weil da andere Figuren mit dranhängen, die reagieren müssen, und wenn sie nur unten stehen und staunen wie beim Drachenflug von Kommissar Schimanski (der 1997 in einer eigenständigen ARD-Reihe wiederkehrte).

Diese Mühe hat sich der MDR-„Polizeiruf“ gar nicht erst angetan. Matschkes letzte Worte in dieser Reihe sind nicht der Rede wert. In Erinnerung bleibt ein recht durchschnittlicher Dorf-Krimi mit verstörendem Wilder-Osten-Flair. Und ein Mann, der Matschkes Abgang dann doch noch etwas Tribut zollt: Ronald Zehrfeld in einer Art Cameo-Auftritt als Jäger, am Anfang und Ende des Krimis zu sehen, zu erraten. Das hat schon fast was Schwebendes.