Maxdome-Serie „Hassel“ : Ganze Kerle, heiße Feger

Die schwedische Cop-Serie „Hassel“ badet im Retro-Look und den Stereotypen der Siebzigerjahr. Leider ohne den Humor von „Starsky & Hutch“.

Jan Freitag
Haudrauf mit Achttagebart: Schweden- Cop Roland Hassel (Ola Rapace) hält nicht viel von Regeln.
Haudrauf mit Achttagebart: Schweden- Cop Roland Hassel (Ola Rapace) hält nicht viel von Regeln.Foto: Maxdome

Okay, okay – wir haben’s bereits zu Beginn einer düsteren Copserie aus der Copseriendüsternis Schweden kapiert: obwohl er berufsbedingt ja für beides sorgen soll, hat es Roland Hassel nicht so mit Recht und Ordnung. Schon in Sekunde drei verfolgt der Fernsehpolizist einen Mann durch den radical chic eines Stockholmer Industriegebiets und traktiert ihn mit Tritten, als er schon am Boden liegt. Echt krass, dieser robuste Haudrauf mit Achttagebart, Boxerbody und Zottelhaar, Schimanski-Jacke, tätowierter Frau und renitentem Kind. Vor allem: krass nostalgisch. Denn mit „Hassel“ hat das ProSieben-Portal Maxdome ein Alphatier importiert, bei dem die Form wie einst auf den Straßen von San Francisco bis Duisburg Marxloh üblich, allen Inhalt frisst und danach Stereotypen erbricht.

Das Wichtigste in den ersten drei von zunächst zehn Teilen: Bullen sind nur dann echt real und cool und hart und sexy, wenn sie im Zweifel jede Regel brechen. Oder hätte jemand jemals den Paragrafenreiter Derrick mit einem der vier Attribute belegt? Eben! Als Hassels Freund und Förderer Yngve (Tomas Laustiola) ermordet wird, wissen daher alle: der lässige Gesetzesbruch vom Anfang war nur die Ouvertüre einer Ermittlungsoperette am Rande der Legalität. Schließlich ist Hassel (Ola Rapace) Teil der Spezialeinheit Triton, die noch viel bösere Jungs jagt, als ihre Jäger selbst es sind.

Zwischen James Bond und Francois Truffaut

Kein Wunder, dass sie ein lokaler Derrick-Verschnitt mit dem „A-Team“ vergleicht – nur dass der nordeuropäischen Kopie das Augenzwinkern des amerikanischen Vorbilds fehlt, wenn sie kooperative Gangster mit Knüppeln traktiert und unkooperative mit Bohrmaschinen. Gut 20 Anzeigen wegen Körperverletzung plus neun für Freiheitsberaubung zählt die interne Ermittlerin entrüstet vor, zeigt sich jedoch nur dem Ethos nach sittenstrenger als ihre Gegner im eigenen Haus. Optisch dagegen ist diese Fatima Nidal eine Femme Fatal mit Löwenmähne und Highheels, was Ana Gil mittig zwischen James Bond und Francois Truffaut überzeichnet.

Kurzes Zwischenfazit: Keine dieser Kunstfiguren dürfte es in irgendeiner skandinavischen Polizeidienststelle geben. Aber um Authentizität geht es Amir Chamdin, Erik Eger und Eshref Reybrouck auch nicht. Das Regietrio stattet seine Gegenwart ganz bewusst im Stil der gesellschaftlich dystopischen, habituell sexistischen, atmosphärisch experimentellen Siebziger aus, als Männer noch ganze Kerle waren und Frauen brandheiße Feger im Leopardenlook. Dummerweise kann all die gestalterische Nostalgie nie darüber hinwegtäuschen, dass „Hassel“ relativ schlichtes Good-Cop- Bad-Cop-Entertainment mit dem üblichen Korruptionsgeflecht bis in die allerhöchsten Kreise ist und damit vor allem einer Zuschauerschicht Honig um den barbershopgestutzten Bart schmiert: alten weißen Männern, die der Zeit nachtrauern, als sie mit Whisky- Atem und Muskelspiel die Welt regierten.

Sixtiespop und Krautpunk

Nicht zufällig schreien in der Verfilmung von Olov Svedelids Bestsellern der Schlaghosenära über jeder zweiten Szene Schweinerockgitarren, deren Urheber in einer der Gangsterbuden als verblassende Poster an der Wand hängen. Wobei der Soundtrack von bizarrem Sixtiespop bis hin zu psychedelischem Krautpunk noch das Beste an einer Retro-Ästhetik ist, die ständig an „Starsky & Hutch“ erinnert, leider jedoch ohne den Humor der zwei Superbullen der 1970er.

Da Ford für alte Mustangs offenbar kein Product-Placement-Budget mehr hat, stammen ihre Autos zwar von VW oder Volvo; die Botschaft aber passt perfekt ins konteremanzipatorische Zeitalter der Trumps aller Herren Länder: Schluss mit den Frauenverstehern, Weicheiern, Gutmenschen. Hier wird die Alte noch auf dem Küchentisch flachgelegt, the real man’s back. Jan Freitag

„Hassel“, Maxdome, zehn Folgen, ab Donnerstag

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