MEDIA Lab : Der Forscher als Anonymus

Unser Kolumnist wundert sich bei Forschungsergebnissen, wo der Lorbeer öffentlicher Wahrnehmung bleibt.

Stephan Russ-Mohl
Studenten im Hörsaal der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.
Studenten im Hörsaal der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.Foto: picture alliance / dpa

Laut „einer aktuellen Studie des Mainzer Instituts für Publizistik vertrauen 44 Prozent der Befragten ,den Medien’ grundsätzlich“, vermeldete am vergangenen Mittwoch der Tagesspiegel. Bereits zuvor hatte der „Neuen Zürcher Zeitung“ zufolge die Johannes Gutenberg Universität in Mainz eine Studie durchgeführt, derzufolge die Glaubwürdigkeit der Massenmedien weiter bröckelt.

Was haben die beiden Medienberichte gemeinsam und zahllose weitere, die sich mit Forschungsergebnissen befassen? Sie beantworten eine der sechs W-Fragen des Nachrichtenjournalismus unpräzise, und zwar die wichtige nach dem „Wer?“. Den Journalisten zufolge hat nicht der Medienforscher Emil Dovifat oder die Forschergruppe um den Physiker Albert Einstein etwas herausgefunden – nein, deren Arbeitgeber, eine Universität oder eine Forschungsstätte, hat angeblich die Studie „durchgeführt“.

In der Sportberichterstattung erfahren wir ganz selbstverständlich, dass Lionel Messi der Torschütze war, und in der Politik äußert sich Bundeskanzlerin Merkel oder Arbeitsminister Heil zur Grundrente – und nicht das Bundeskanzleramt oder das zuständige Ministerium. Bei Wissenschaftlern funktioniert diese Personalisierung, die sonst im Medienbetrieb so prägend ist, dagegen so gut wie nie.

Eine Ausnahme gibt es immerhin. Nobelpreise werden nicht der Columbia University oder der ETH Zürich verliehen, sondern an leibhaftige Forscher. Aber selbst Nobelpreisträger wie der Biochemiker Joachim Franck sind für Journalisten regelmäßig „no names“, bevor das Komitee in Stockholm seine Entscheidung kundtut.

Danach wird in den Redaktionen eifrig bei Wikipedia gegoogelt, welch real existierende Menschen sich denn hinter den Preisträgern verstecken. Gewiss, viele Forscher entsagen der Aufmerksamkeitsökonomie, sie wollen gar nicht medienprominent sein. Journalisten sollten sie trotzdem beim Namen nennen. Weder die Uni Mainz noch deren Publizistik-Institut schreiben Forschungsberichte. Im konkreten Fall war es eine Forschergruppe um Christian Schemer, die den Lorbeer öffentlicher Wahrnehmung verdient.