MEDIA Lab : Gelebtes Grenzgängertum

Wo bleiben die Wissenschaftler, die als halbwegs unabhängige Experten wichtige Medien-News kommentieren und einordnen?

Stephan Russ-Mohl
Dass Amazon-Chef Jeff Bezos mit einem Vermögen von 150 Milliarden Dollar reichster Mensch der Welt ist, ging fast unter.
Dass Amazon-Chef Jeff Bezos mit einem Vermögen von 150 Milliarden Dollar reichster Mensch der Welt ist, ging fast unter.Foto: AFP

Es ist, wie es ist: Donald Trump hat eine weitere Woche die Schlagzeilen dominiert. Die Nachricht, dass die EU Google zu vier Milliarden Euro Strafe vergattert hat, erzielte dagegen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Dass das Bundesverfassungsgericht die Rundfunkgebühr absegnete und dass Amazon-Chef Jeff Bezos mit einem geschätzten Vermögen von 150 Milliarden Dollar inzwischen der reichste Mensch der Welt ist, ging nahezu unter. Wohlgemerkt: Bezos ist als Online-Buchhändler, sprich: Medienunternehmer, steinreich geworden. Außerdem gehört ihm mit der „Washington Post“ eine der wichtigsten Stimmen des westlichen Journalismus.

Und wo bleiben bitte die Wissenschaftler, die als halbwegs unabhängige Experten solch wichtige Medien-News kommentieren und einordnen? Fehlanzeige. Deren Absenz im gesellschaftspolitischen Diskurs thematisieren immerhin die Sozialforscher Stefan Selke und Annette Treibel. Was sie im Sammelband „Öffentliche Gesellschaftswissenschaften“ zusammengetragen haben, reflektiert wohl den „state of the art“ der vielfältigen Versuche, sozialwissenschaftliche Erkenntnisse an eine breitere Öffentlichkeit heranzutragen.

Indes stehen sich mehrere der im Buch versammelten Autoren auch selbst im Weg. Sie vermitteln ihr Anliegen zu wenig anschaulich und richten sich eher an Fachkollegen als an die mediale Öffentlichkeit. Selke fordert zu „gelebtem Grenzgängertum“ auf und belehrt dann im selben Atemzug darüber, dass „der Kategorienbegriff Öffentliche Gesellschaftswissenschaften“ eigentlich nur Sinn mache, „weil er das progressive Moment der notwendigen Disziplinüberschreitung bereits beinhaltet“. Das ließe sich fraglos einfacher sagen.

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Ja, wir brauchen mehr Interdisziplinarität. Und einen Journalismus, der – angesichts der Herausforderungen der Digitalisierung, für die Google und Amazon stehen – weniger Trump und öfter mal Wissenschaftler zu Wort kommen lässt. Aber viele Forscher müssten wohl auch erst einmal lernen, wie man öffentlich kommuniziert.

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