MEDIA Lab : Gesellschaft im Gespräch

Trotz digitaler Messung haben Journalisten nur eine vage Vorstellung von ihrem Publikum. Wie sich das ändert lässt.

Marlis Prinzing
Comedian Atze Schröder sprach am Tag des Journalismus im Mai in Hamburg über seine Lust am Lesen. Wichtig ist, dass man sein Publikum kennt.
Comedian Atze Schröder sprach am Tag des Journalismus im Mai in Hamburg über seine Lust am Lesen. Wichtig ist, dass man sein...Foto: Georg Wendt/dpa

Vor einem halben Jahrhundert kritisierten die Forscher Peter Glotz und Wolfgang Langenbucher, Journalismus schaue zu wenig auf seine Zielgruppen und erfanden den Begriff des „missachteten Lesers“. In einer digitalen Gesellschaft, in der Journalisten kaum mehr Schleusenwärter sind, sondern wir alle direkt Quellen nutzen und Kommentare veröffentlichen können, ist die Missachtung gar nicht mehr möglich. Das „beachtete Publikum“ ist die einzige Option. Das heißt nicht, lediglich zu fragen, was dem Publikum gefällt, sondern was es umtreibt.

Ein Forschungsteam am Tow Center für Digitaljournalismus in New York belegte durch eine Fallstudie mit Lokalreportern in New York City, dass Journalisten heute zwar offen sind für den Austausch mit ihrem Publikum. Aber sie haben trotz digitaler Messung der Klickraten ihrer Arbeiten eine nur vage Vorstellung von ihrem Publikum.

Nicht nur an das "bekannte" Publikum denken

Das Team um James Robinson sieht die Erklärung im Blick zurück: Journalisten verhalten sich oft wie früher und orientieren sich an denen, die man kenne: Funktionsträger, Kollegen, eigene Quellen, Familie, Bekannte; sie bilden das Publikum im Kopf vieler Journalisten. Diese instinktive Hinwendung zum ihnen „bekannten“ Publikum verknüpfe sich mit dem Hang, weniger Bekanntes zu übersehen, und erkläre auch Lücken bei Themenauswahl und Berichterstattung. Dieser Graben zwischen Vorstellung und Wirklichkeit lasse sich nur im persönlichen Gegenüber überwinden.

Öffentliche Kommunikationswissenschaft kann hier helfen, in Gruppendiskussionen mit Bürgerinnen und Bürgern, Redaktionsmitgliedern und Forschern, herauszufinden, wie Nachrichten beschaffen sein müssten, um wirklich verstanden zu werden – sogenannte Citizen Science.

Und hier kann nützen, wenn ein zunehmend diverses Publikum auch zunehmend divers zusammengesetzte Redaktionen als Gegenüber hat, wie eine Forschungsgruppe um Alexandra Borchert am Reuters-Institut in Oxford ausführt, weil durch gemischte Teams in einer Redaktion eher andere Sichtweisen und Zugänge dazukommen.

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