MEDIA Lab zu Twitter : Extrovertierte Angeber

Twitterdiskurse sind nicht repräsentativ für den Stand einer gesellschaftlichen Diskussion, ergibt eine Untersuchung des Hans-Bredow-Instituts. Dennoch können sie eine wichtige Aufgabe erfüllen.

Joachim Trebbe
Zu allem eine Meinung: Als @RealDonaldTrump hat der US-Präsident über 38 Tausend Tweets abgesetzt.
Zu allem eine Meinung: Als @RealDonaldTrump hat der US-Präsident über 38 Tausend Tweets abgesetzt.Foto: Andrew Harnik/AP/dpa

Onlinenutzer sind nicht repräsentativ für die Bevölkerung und was sich auf Twitter abspielt, steht nicht stellvertretend für die gesamte Netzgemeinde. Das dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Trotzdem ist die Stimmungslage beim Kurznachrichtendienst immer wieder in aller Munde und die Tweets herausgehobener Akteure bestimmen häufig auch in den konventionellen Massenmedien die Tagesordnung.

Eine Untersuchung von Sascha Hölig am Hans-Bredow-Institut in Hamburg zeigt jetzt erstmals systematisch einige individuelle Eigenschaften derjenigen auf, die vergleichsweise häufig Tweets absetzen, kommentieren oder weiterleiten – also nicht nur passiv mitlesen. Dabei sind neben einigen demografischen Besonderheiten (Männer sind überrepräsentiert, das Durchschnittsalter ist etwas niedriger und sie sind formal etwas besser gebildet) vor allem die erhobenen Persönlichkeitsmerkmale der 209 aktiven Twitterer unter den 763 befragten Onlinern interessant.

Tendenz zu extremen Positionen

Erwartbar war vielleicht noch eine ausgeprägte Persönlichkeitsstärke und eine größere Offenheit für Neues sowie die Bereitschaft, seine Meinung kundzutun. Damit verbunden ist aber auch ein stärkerer Hang zur Angeberei, ein ausgeprägtes Anspruchsdenken, ein höherer Autoritätsanspruch und eine überdurchschnittliche Überheblichkeit unter den aktiven Twitterern. Außerdem zeigt diese Gruppe eine stärkere Tendenz bei politischen Fragen auch extremere Positionen zu vertreten.

Der Autor zieht daraus den Schluss, dass Twitterdiskurse nicht als repräsentatives Stimmungsbild für den Diskussionsstand über gesellschaftliche Streitfragen missinterpretiert werden sollten. Vielleicht sind sie aber gerade deshalb als Seismograph und gesellschaftliches Frühwarnsystem im Journalismus nützlich, um extreme und radikale Positionen und ihre Protagonisten zu identifizieren und der allgemein zugänglichen öffentlichen Auseinandersetzung zuzuführen.