Mensch-Maschine-Koexistenzen : Roboter, die menschlichen Wegbegleiter

„Wie werden wir leben?“, fragt das ZDF im Kleinen Fernsehspiel. Es ist eine Reise in eine Zukunft, in der Roboter in alle Lebensbereiche vordringen.

Harmony ist das computergesteuerte Klischee eines weiblichen Sex-Symbols. Für ihren Besitzer erfüllt sie gleichwohl eine andere Aufgabe.
Harmony ist das computergesteuerte Klischee eines weiblichen Sex-Symbols. Für ihren Besitzer erfüllt sie gleichwohl eine andere...Foto: Julian Krubasik/ZDF

Aller Anfang ist schwer: „Ich bin Texaner“, sagt Chuck. „Scheint ein toller Job zu sein“, erwidert Harmony. Beide haben sich gerade erst kennengelernt, Chuck hat Harmony in der Fabrik abgeholt, da war sie nur ein sprechender Kopf auf der Stange. Nun sitzt sie ihm in Chucks Wohnwagen gegenüber, blond, volle Lippen, große Brüste, das computergesteuerte Klischee eines weiblichen Sex-Symbols.

Der Texaner Chuck braucht Harmony allerdings, wie sich herausstellen wird, vor allem als Wegbegleiterin und Gesprächspartnerin – ein Roboter im Einsatz gegen die Einsamkeit eines traumatisierten Mannes, der in seiner Kindheit missbraucht wurde. Das erzählt Chuck irgendwann abends unterm Sternenhimmel, und Harmony ist klug genug, einfach zu schweigen.

In dem Dokumentarfilm „Hi, Ai – Liebesgeschichten aus der Zukunft“ [ZDF, Montag, 0 Uhr] wird das Publikum Zeuge oft unfreiwillig komischer Mensch-Maschinen-Koexistenzen. Es hakt noch gewaltig in der Kommunikation, aber immer mal wieder gibt es auch überraschende, berührende Momente.
Regisseurin Isa Willinger montiert ihre in den USA und Japan gesammelten Bilder zu einem auch visuell faszinierenden Dokumentarfilm, der Künstliche Intelligenz (KI) weder verteufelt noch glorifiziert. Ai, der Name im Titel, ist einer der im Film präsentierten Roboter und verweist zugleich auf die englische Bezeichnung „artificial intelligence“.

Pepper kommt nach Deutschland

Neben dem US-Roadtrip mit Chuck und Harmony samt Ausflügen zum Reittraining, ins Autokino und an den Strand bildet noch ein Beispiel aus Japan das Gerüst des Films: Roboter Pepper ist klein, weiß und hat ein rundes, niedliches Gesicht mit großen Augen, die farbenfroh blinken. Er soll der allein lebenden Großmutter der Familie Sakurai Gesellschaft leisten. Meistens scheint er allerdings überfordert zu sein, schweigt, wenn die alte Dame aus ihrem Leben erzählt. Lieber tauscht sie sich dann mit ihrer Schwester aus. Am Freitag wird Pepper übrigens in Deutschland zu Gast sein, als Co-Moderator in der 3sat-„Kulturzeit“.

Von bezeichnenden Szenen aus einem Alltag, der keineswegs mehr Science Fiction ist, lebt Isa Willingers Film, der im vergangenen Jahr beim Saarbrücker Nachwuchs-Festival den Max Ophüls Preis gewann und auch für den Deutschen Filmpreis nominiert war. Die Regisseurin ergänzt ihre Alltagsbeobachtungen mit Szenen aus Laboren und Produktionsstätten, mit Ausschnitten aus Konferenzen und Vorlesungen sowie Interviews, die der amerikanische Philosoph und Neurowissenschaftler Sam Harris in seinem „Making Sense“-Podcast mit KI-Experten führte.

Die Gespräche über ethische Fragen ergänzen die visuelle Ebene, die wiederum entspannt belegt, dass solche Diskussionen besser nicht rein akademischer Natur sein sollten.

„Hi, Ai“ ist der Auftaktfilm zu der dreiteiligen Film-Reihe „Wie werden wir leben?“ des Kleinen Fernsehspiels. Die beiden anderen Filme stammen aus dem Jahr 2007 und waren damals Teil der ZDF-Reihe „Agenda 2020 – Wie werden wir leben?“. Wiederholungen also, aber sie erneut zu zeigen, ist dennoch keine schlechte Idee: Denn nun, im Jahr 2020 angekommen, lässt sich überprüfen, wie weit die Filme über maßgeschneiderte Kinder („Trust.Wohltat“) und eine neue Überwachungstechnologie („Auf Nummer sicher?“) von der gegenwärtigen Realität entfernt sind.