Metzger-Casting : Amerika sucht den Superschlachter

Das Schlachter-Casting "The Butcher" feiert beim TV-Sender History ein Fest des unbegrenzten Fleischkonsums.

Jan Freitag
Auf die Messer, fertig, los! "The Butcher" heißt das Metzger-Casting im History Channel
Auf die Messer, fertig, los! "The Butcher" heißt das Metzger-Casting im History ChannelFoto: History Channel


Dummheit und Stolz, so lauten drei geflügelte Wörter, wachsen auf einem Holz. Doch spätestens im Angesicht von Donald Trumps geistig-moralischer Einfaltswende ist daraus ein (meist männlich praktizierter) Dummheitsstolz geworden, der von Politik über Staus bis Klima alle Krisen unserer Zivilisation mit noch mehr Nationalismus, noch mehr Pferdestärken, vor allem aber: noch mehr Fleisch beantwortet. In seinem grenzenlosen Dummheitsstolz dürfte Donald Trump ab heute also mit viel Wasser im Mund vorm Flatscreen sitzen und eine Show verkosten, die wohl nur aus einem Land kommen kann, das sich solche Anführer wählt: "The Butcher".
So nennt der TV-Sender History, hierzulande über Pay-TV-Plattformen wie Sky, Telekom oder Vodafone empfangbar, eine Art DSDS für Viehzerkleinerer, in dem das Land des unbegrenzten Burgerkonsums Amerikas Superschlachter sucht. Und dieses Casting, nennen wir es ASDSS, funktioniert folgendermaßen: Chris, Cindy, Armond und Seth, vier telegene Metzger mit fast 100 Jahren Berufserfahrung, müssen in drei Challenges Kraft und Präzision beim Verarbeiten diverser Tiere beweisen. Zum Auftakt etwa wird ein kompletter Hirsch in seine Einzelteile zerlegt, bevor die Kandidaten nach Augenmaß sechs abwechselnd dicke Steaks zuschneiden, was im Filetieren eines ungehäuteten Wildschweins gipfelt, bevor die dreiköpfige Jury dem Gewinner 10 000 Dollar Preisgeld und ein Gefühl von Stolz geben.
Wobei der englische Originalton im anthrazitstrengen US-Studio zwischen Barbershop und Folterpornkeller noch etwas kerniger klingt als die deutsche Übersetzung. "Price & Pride" sagt ja viel über ein Format aus, dessen Dummheitsstolz zwar optisch äußerst ästhetisch aufbereitet wird. Denn hinter der Fassade dieser TV-Schlachtung verbirgt sich eine individualisierte Freiheitsideologie, mit der unser Planet gerade ungebremst gegen die Wand fährt. Seit Demokratie, Liberalismus, Emanzipation global betrachtet nicht mehr nur als Ziele, sondern Zustandsbeschreibungen gehandelt werden, feiert das Testosteron als reaktionärer Rückstoßtreibstoff nämlich sein fröhliches Comeback.

Grillen ist ein Menschenrecht

Während Frauen in Werbung und Wirklichkeit unverändert allein waschenkochenputzen, erklären vollbärtige Holzfällerhemdenträger auf RTL und DMAX gesalzene Erdnüsse zu Smoothies oder Grillen zum Menschenrecht, verstopfen den knappen Lebensraum Stadt mit SUVs und gucken beim großen Fressen Superheldenfilme bis der Urologe kommt. Auf dem fleischigen Weg zum mittelalterlichen Recht des Stärkeren, ist ein ökologisch unbeschwertes Metzger-Casting da nur der neue, keinesfalls aber härteste Faustschlag selbstherrlicher Mir-doch-egal-Männer in die Magengrube nachhaltiger Gesellschaftsmodelle.
Ein gewissenloser Alpharüde wie Trump dürfte also ein paar saftige "GREATs" über jene saftigen Steaks twittern, die ihm Chris, Cindy, Armond und Seth frei von jeder Art kritischer Selbstreflexion ihrer Ernährungsweise zubereiten. Nicht, dass Fleisch an sich verwerflich wäre; nachhaltig produziert und bewusst gegessen, darf es gern auch weiterhin Bestandteil des Speiseplans bleiben. Wenn jeder Kraftausdruck überm Geräusch brechender Hirschwirbel überpiepst wird, passt die Inszenierung von "The Butcher" allerdings zur scheinheiligen Reinlichkeit einer Mediengesellschaft, die ihre sozialen Netzwerke zwar in Echtzeit von jeder nackten Frauenbrust befreit, nicht aber von Hakenkreuzen oder Herrenmenschenfantasie.
Das Problem an den sechs dreiviertelstündigen Schlachtfesten von "The Butcher" ist demnach nicht die reine Fleischeslust an sich; das Problem ist die gleichermaßen aseptische und ästhetisierende, herzlose wie gefühlvolle Art, in der dieses eigentlich so wunderbare Lebensmittel von der Realität entkoppelt wird. Als verfolge jedes essbare Tier nur den einen Daseinszweck, von Kunsthandwerkern wie diesen mundgerecht verarbeitet zu werden. "Oh, nein", klagt der Moderator, als er die Blutlache unter den Koteletts von Seth sieht, "das hat dieses schöne Tier nicht verdient". Den Tod hingegen schon.

"The Butcher", History, 21 Uhr 45