Medien : Mit Pong gegen Goliath

Für Preisbewusste: Grafisch kann Nintendos Wii nicht mithalten. Doch die intuitive Steuerung ist noch für einige Überraschungen gut

Kurt Sagatz

Jetzt bloß keine hektischen Bewegungen, sonst stürzt die Murmel in den Abgrund. „Kororinpa“, das neue Spiel für die TV-Konsole Wii von Nintendo, ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven und noch viel weniger für Spieler mit zwei linken Händen. Das war schon so, als man die Murmeln noch völlig real durch das Labyrinth aus Holz steuern musste. In einer Kiste war ein Brett so eingespannt, dass man über zwei kleine Räder an der Vorderseite und der rechten Seite jeweils eine Ebene neigen konnte, um die Kugel an kleinen Löchern vorbei zu ihrem Ziel zu steuern.

Dass Nintendo die kleinen Räder durch den bewegungsempfindlichen Controller und die Holzkiste durch die Kombination aus Fernseher und Wii- Konsole ausgetauscht hat, macht die Sache nun keineswegs einfacher, nur abwechslungsreicher. Am besten ist es, wenn man den Controller äußerst vorsichtig in die eine oder andere Richtung neigt, wäre da nicht die Uhr, die gnadenlos mitläuft, und wäre da nicht der Mitspieler, denn die Wii ist kein Gerät für Einzelkämpfer. Wie bereits bei der alten Playstation 2 setzt auch das Nintendo-Gerät auf Spaß für die gesamte Familie.

Über Jahre wurde der Videospiele-Branche vorgeworfen, sie kompensiere fehlende Ideen mit immer mehr Leistung und einer immer besseren Grafik. Ähnliche Vorwürfe sind bereits wieder im Zusammenhang mit der neuen Sony-Konsole Playstation 3 zu hören, deren grafischer Realitätsgrad tatsächlich kaum noch zu überbieten ist. Die Wii-Konsole kann dabei sicherlich nicht mithalten, ihre Grafik scheint aus einer anderen Zeit zu stammen. Das Steuerungskonzept mit den berührungsempfindlichen Wii-Controllern begeistert jedoch die Spieler, und zwar auch solche, die bislang nichts von Videokonsolen wissen wollten. Mit der Wii hat es Nintendo geschafft, den Spieler endgültig vom Sofa zu reißen. Wer Tennis so spielt, als hielte er tatsächlich einen Schläger in der Hand, muss sich dafür genauso erheben wie beim ebenfalls sehr beliebten virtuellen Bowlingspiel.

Das zusammen mit der Wii ausgelieferte Sports-Spiel, das daneben noch Boxen, Baseball und Golf enthält, hat durch die natürliche Steuerung ebensolchen Suchtcharakter wie seinerseits das Klötzchenspiel „Tetris“ bei der Markteinführung des ersten Gameboys. So ist es nicht verwunderlich, dass Nintendo durch die Wii und den ebenfalls komplett überarbeiteten Gameboy-Nachfolger Nintendo DS wieder an alte Erfolge anknüpft und bei der Marktverteilung nun wieder mit Sony und Microsoft (Xbox) in einer Liga spielt.

Auf Dauer ist das allerdings nur zu schaffen, wenn der Nachschub mit Spielen funktioniert, die ebenfalls von dem derzeit einmaligen Steuerungskonzept profitieren. „Kororinpa“ gehört sicherlich dazu. Insgesamt 50 Labyrinthe gilt es zu erforschen. Dabei haben die Entwickler des Geschicklichkeitsspiels genauso viel Fantasie für die Steuerung wie für die Umgebung aufgewandt. Zwar gehorcht die Murmel den gewohnten physikalischen Gesetzen, doch bei den Parcours galten offenbar keinerlei Selbstbeschränkungen. Im Zuckerbäckerland besteht die Piste beispielsweise aus Waffeln, die Randbegrenzungen wurden – wenn es denn welche gibt – aus Weingummi gebaut und zwischendurch muss man die Murmel heil über die Rundungen einer Zitronenschnitte kugeln lassen. Auf den Straßen der 3-D-Stadt in luftigen Höhen kommt es noch schlimmer, um hier zum Ziel zu kommen, muss man die komplette Welt drehen, halbe Loopings absolvieren und über wahre Abgründe springen. Langweilig wird es dabei sicherlich nicht so schnell.

Was für „Kororinpa“ gilt, trifft auf die gesamte Wii-Konsole zu, die mit rund 250 Euro erheblich weniger kostet als die Konkurrenzprodukte (Xbox knapp 400 Euro, die neue PS 3 mit Blu-Ray-Laufwerk kommt auf rund 600 Euro als Startpreis). Nintendo konnte es sich offenbar sogar leisten, den Helden früherer Tage – Super-Mario – erst später ins Rennen zu schicken. Zuvor hat Nintendo mit dem Partyspiel „Wii Play“ gezeigt, wie man weitere bekannte Spielideen durch das neue Steuerungskonzept konsolentauglich machen kann. Selbst der Urahn aller Videospiele – „Pong“ mit dem Tennisball und den beiden als Strichen dargestellten Schlägern – profitiert davon, dass der Spieler nun keine Knöpfe mehr drücken muss.

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