Mystery-Serie : Wenn Surfer plötzlich verschwinden

Superkräfte aus dem Reich des Meeres: Die Öko-Mystery-Serie „The Last Wave“ im ZDF.

Jan Freitag
Lena Lebon (Marie Dompnier) und Ben Lebon (David Kammenos) nähern sich nach ihrer Beziehungspause wieder an.
Lena Lebon (Marie Dompnier) und Ben Lebon (David Kammenos) nähern sich nach ihrer Beziehungspause wieder an.Foto: ZDF und Langro Thierry

Mystery heißt bekanntlich Mystery, weil deren Handlung nicht nur rätselhaft ist, sondern unerklärlich – sonst wäre es Wissenschaft, also fürs entsprechende Filmgenre unbrauchbar. Seit „The Prisoner“ mit der „Nummer 6“, wie die britische Serienlegende hier hieß, ins Luxusgefängnis einer halluzinogenen Gartenkolonie entführt wurde, sprengt diese Art Fiktion auch im Fernsehen lustvoll die Fesseln aller Gesetzmäßigkeiten und macht die Logik zum Randaspekt. Womit wir bei der Mystery-Serie „The Last Wave“ (in der ZDF Mediathek) wären, die zwar englisch betitelt ist, aber aus Frankreich stammt.

Dort nämlich braut sich eine merkwürdige Wolkenwand überm malerischen Atlantik zusammen, der darunter plötzlich elf Surfer verschluckt und erst fünf Stunden später ohne Erinnerung an die Zeit dazwischen, dafür aber mit Superkräften freigibt.

Ein kleiner Junge zum Beispiel kann plötzlich hellsehen, ein Teenager Kranke heilen, ein Erwachsener unter Wasser atmen, während sich andere nur äußerlich verändert haben. Regisseur Rodolphe Tissot orientiert sich damit offenbar an den paranormalen Persönlichkeitswandel serieller Mysterien von „Misfits“ über „Heroes“ bis hin zu „I Am Not Okay With This“ und zieht fortan alle Register realitätsgetreuer Transzendenz.

Fast alle.

Während zumindest in den ersten von sechs Teilen keine Monster, Zombies, Spukgestalten zum Einsatz kommen, hat die Wolkenwelle nicht nur bei den Untergetauchten Max (Roberto Calvet), Lena (Marie Dompnier), Matthieu (Théo Christine), Thomas (Gaël Raes) gehörige Veränderungen bewirkt – der ganze Küstenort Brizan ist künftig ein anderer.

Kein Wunder, dass die Betroffenen fieberhaft, aber erfolglos rationale Ursachenforschung betreiben. Doch da die Wolke bald noch bedrohlicher zurückkehrt, schießen irrationale Erklärungen ins Kraut – Rache der Natur etwa, die sich gegen ein rücksichtslos profitorientiertes Neubauprojekt zu wehren scheint.

Als der Chemielehrer Ben (David Kammenos) bei seiner Heimlaboranalyse des Wetterphänomens „lebendiges“ Wasser entdeckt, das auch durch die Adern der Betroffenen fließt, geht Mystery jedoch mit 2:0 gegen Reality in Führung und „The Last Wave“ droht eine Horrorshow, die sich wie einst bei „Lost“ mit jeder Staffel weiter von der Wirklichkeit abkoppeln könnte.

Gesetze der Marktwirtschaft im Kleinen

Mehr als damals aber geht es nach Büchern von Alexis Le Sec und Raphaëlle Roudaut nur im computeranimierten Zentrum der Geschichte um die unterhaltsame Wirkung der Metaphysik.

An den Serienrändern dagegen entfaltet sie ein relativ alltägliches Panoptikum humaner Beziehungen, das die Wolke wie unter einem Brennglas sichtbar macht. Zerrüttete Ehen, ehrgeizige Eltern und verlogene Philanthropen, pubertäre Verwirrung, politische Ignoranz und eine Stadt, die sich dennoch mit weltlicher Eintracht gegen die himmlische Macht zu wehren beginnt – es menschelt sehr im mysteriösen Umfeld.

Dabei gibt es zwar ein branchenübliches Maß an dramaturgischer Unregelmäßigkeit; dass die Aufmerksamkeitsökonomie in der Provinz trotz aller Smartphones vor Ort nicht bald ihr gesamtes Medienarsenal auf Brizan abfeuert, ist im sozial netzwerkenden Jahr 2020 schlichtweg Unsinn.

Allerdings dient er nachvollziehbar der Kammerspielsituation an einem Ort, wo sich die Gesetze der Marktwirtschaft im Kleinen abspielen. Wie in Spielbergs haiverseuchtem Amity anno 1975, sollen (ökologische) Bedenken nicht den (touristischen) Fortschritt bremsen.

Dieses Dilemma wird zwar bis zum Tinnitus handyreklameaufdringlich synchronisiert, bleibt aber überwiegend stimmig. Denn das Gute an Mystery ist ja: alles kann, nichts muss. In dem Rahmen bewegt sich „The Last Wave“ ziemlich souverän.


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