Nach dem Chefredakteurs-Wechsel : „Spiegel“-Macher wollen mehr

Mit der gemeinsamen Print-Online-Redaktion soll der Verlag wieder auf Wachstumskurs gebracht werden. Experten halten dies für durchaus möglich.

Wollen sinkende Erlöse nicht hinnehmen: die Mitarbeiter des „Spiegel“.
Wollen sinkende Erlöse nicht hinnehmen: die Mitarbeiter des „Spiegel“.Foto: Christian Charisius/dpa

Der Spiegel-Verlag steht nach dem am Mittwoch bekannt gegebenen Wechsel von Chefredakteur Klaus Brinkbäumer zu einem Trio unter Vorsitz von Steffen Klusmann vor der „größten Strukturreform in der Geschichte des Magazins“, heißt es unisono von den Gesellschaftern. Die Hoffnungen der Mitarbeiter KG, die am Spiegel-Verlag mit 50,5 Prozent die Mehrheit hält, gehen weit darüber hinaus, den Auflagen- und Anzeigenrückgang nur zu stoppen. Von der neuen Führung erwartet sie vielmehr die Rückkehr zu Expansion und Wachstum.

Dies ist auch nötig, schließlich läuft die Zusammenlegung von Print und Online ab Januar 2019 auf eine Gleichbehandlung der Onliner in der Mitarbeiter KG hinaus. Sinkende Erlöse bei mehr Ausschüttungsberechtigten wären in der Print-Belegschaft nur schwer zu vermitteln. Auch sonst möchte man an der Ericusspitze den Gürtel nicht unnötig enger schnallen, indem beispielsweise die Zahl der Recherchereisen gesenkt wird.

Hoffnung "nicht undenkbar", siehe "Zeit"

Michael Haller, emeritierter Journalistik-Professor an der Universität Leipzig und Kenner der deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenbranche, hält die Hoffnungen von Mitarbeiter KG für „nicht undenkbar“. Auch anderen Publikationen gelinge es, gegen den Markt zu wachsen, erinnert er unter anderem an die wachsenden Auflagenzahlen der „Zeit“. Allerdings müssen für die Rückkehr zum Wachstum beim „Spiegel“ einige Voraussetzungen erfüllt sein. Die Gesellschafter müssen dem neuen Chefredaktions-Team ein „intensives Briefing für den Kurswechsel“ auf den Weg geben, meint Haller. „Der ,Spiegel‘ ist ein ganz anderes Schlachtschiff als ,Manager Magazin‘ und ,Financial Times Deutschland‘, wo Steffen Klusmann zuvor die redaktionelle Richtung vorgeben hat.“ Aus Hallers Sicht müssen die Blattmacher eine Antwort finden auf die schwierige Frage, wie im Online-Zeitalter das Nachrichtenmagazin neu profiliert und auf Kurs gebracht werden kann.

Das grobe Konzept für die Verschmelzung von Print und Online steht bereits, wie aus Hamburg zu hören ist. In den nächsten vier Monaten bis Anfang 2019 will die neue Chefredaktion die geplante Redaktionsstruktur ausarbeiten und „in Ruhe und ausführlich vorstellen“. Für den anstehenden Veränderungsprozess, in dem für jedes Ressort die passenden Zuschnitte gefunden werden sollen, wird ein Zeitraum von mindestens fünf Jahren anvisiert. Die Chefredaktion, die künftig der Geschäftsführung angehört, wird das Konzept mit den Führungskräften und Betriebsräten vorbereiten und beraten.

Andere Qualifikationen gefragt

Mit Klaus Brinkbäumer sei dies nicht zu machen gewesen, sagt Medienwissenschaftler Haller, dafür brauche es andere Qualifikationen als die des bisherigen Chefredakteurs – der allseits für seine schreiberischen Qualitäten gelobt wird. Auch von der Mitarbeiter KG, die ihm aber mangelnde Führungsstärke, Entscheidungskraft und wenig ausgeprägtes Denken in Strukturen vorwarf. Von seinen Nachfolgern wird vor allem strategisches Denken und Handeln gefragt sein. Etwas, was Haller seit rund zehn Jahren in der „Spiegel“-Chefredaktion vermisst. „Damals ging mit dem Abgang von Chefredakteur Stefan Aust die Ära des Nachrichtenmagazins zu Ende. Aust stand noch in der großen Tradition des Blattgründers Rudolf Augstein.“ Seither sei vor allem „herumlaboriert“ worden.

Probleme hat es zuletzt insbesondere im Einzelverkauf gegeben, auch aus inhaltlichen Gründen. Die Auswahl der Titel-Themen habe von einer anhaltenden Ziel- und Konzeptlosigkeit gezeugt. Als Beispiele nennt Haller die diversen Anti-Trump- und -Putin-Titel. „Die Käufer erwarten frei nach dem Slogan ,Spiegel-Leser wissen mehr‘ von dem Magazin verlässliche Hintergrundgeschichten, keine Meinungsmache.“ Kurt Sagatz

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