Netflix-Serie „Jeffrey Epstein: Stinkreich“ : Der Monster-Milliardär und die Mädchen

Die erschütternde Netflix-Serie „Jeffrey Epstein: Stinkreich“ dokumentiert die Machenschaften eines US-Investmentbankers, der zahllose junge Frauen missbraucht haben soll.

Chauntae Davies und Jeffrey Epstein in der dritten Episode der Serie
Chauntae Davies und Jeffrey Epstein in der dritten Episode der SerieFoto: Netflix

Palm Beach in Florida ist eine Glitzerinsel mit Villen, Yachten und sehr reichen Menschen. Auf dem Festland direkt daneben liegt West Palm. Hier gibt es Trailerparks, billige Autos und Menschen, die jeden Dollar umdrehen müssen. Außer einer Brücke verbindet diese beiden Welten kaum etwas.

Wenn jemand aus West Palm sie überquert, geht es meist um einen Job. So auch bei Shawna Rivera: Sie beginnt mit 14 Jahren regelmäßig in Palm Beach zu arbeiten. Ein Taxi bringt sie in das Anwesen des Milliardärs Jeffrey Epstein. Er bezahlt 200 Euro für „Massagen“, die jedoch Akte sexualisierter Gewalt sind.

Der Investmentbanker lockte mit Geld und Versprechungen

„Ich ging in eine Art Autopilot-Modus, wollte es einfach nur hinter mich bringen und nach Hause gehen“, sagt Rivera über diese Zeit Anfang der nuller Jahre. Sie ist damals eines von mehreren Dutzenden Mädchen, die Ähnliches in der Villa erlebt haben.

Eine vierteilige Netflix-Serie dokumentiert nun unter dem Titel „Jeffrey Epstein: Stinkreich“ ihre Schicksale und das kriminelle System des Investmentbankers, der 2019 in einem New Yorker Gefängnis starb, bevor ihm der Prozess gemacht werden konnte. Ein Prozess, der mindestens 20 Jahre überfällig war, wie die gut recherchierte Serie von Regisseurin Lisa Bryant mit niederschmetternder Deutlichkeit zeigt.

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Zahlreiche junge Frauen berichten in den jeweils knapp einstündigen Folgen von ihren schrecklichen Erlebnissen mit dem 1953 in New York geborenen Epstein. Vor allem jene, die über mehrmalige Vergewaltigungen sprechen, fällt das sichtlich schwer. Sie kämpfen noch Jahre später mit den Folgen dieser Traumatisierung. Man versteht sofort, warum unter den Namen der Zeuginnen stets das Wort „Überlebende“ eingeblendet wird.

Epstein nutzt die fragile Position und die schlechten Zukunftsperspektiven seiner Opfer schamlos aus. Viele von ihnen kommen wie Shawna, Tochter einer drogenabhängigen Mutter und eines kriminellen Vaters, aus zerrütteten Familien, manche hatten zuvor schon Missbrauch erlebt. Mit Geld und Versprechungen auf ein besseres Leben versteht es Epstein, sie in seinem Kosmos des Grauens zu halten.

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Zentral darin ist seine (Ex)-Partnerin Ghislaine Maxwell, die ihm immer wieder Mädchen zuführt. So spricht sie zum Beispiel im Jahr 1999 auf dem Anwesen von Donald Trump in Palm Beach die 16-jährige Virginia Giuffre an, die dort einen Ferienjob hat. Als Maxwell sieht, dass sie ein Buch über Massagetechniken liest, lockt sie sie zu Epstein. Er werde ihr helfen, ihren Traum, Masseurin zu werden, zu erfüllen.

Polizei-Ermittlungen und Presse-Recherchen werden behindert

Stattdessen realisiert das Mädchen: „Ich bin die Sklavin dieser Leute.“ Beide werden immer wieder als charismatische, aber extrem manipulative Charaktere beschrieben. Giuffre, die später an Promi-Freunde und Geschäftspartner ausgeliehen wird, erklärt, dass Epstein und Maxwell ihr das Gefühl gaben, Teil einer ungewöhnlichen Familie zu sein, mit der man tolle Abenteuer erlebte.

Überlebende. Shawna Rivera berichtet von ihren Horrorerlebnissen.
Überlebende. Shawna Rivera berichtet von ihren Horrorerlebnissen.Foto: Neflix

Jeffrey Epstein ist lange Zeit ein lebender Beweis dafür, dass man sich in den USA mit Geld tatsächlich alles kaufen kann. Er besaß nicht nur Immobilien, Jets und eine eigene Karibik-Insel, auf der er seine Machenschaften fernab der Öffentlichkeit fortsetzen konnte, es gelang ihm auch, sich jahrelang der Justiz zu entziehen

Ein Hauptaugenmerk von „Jeffrey Epstein: Stinkreich“ liegt auf Polizei-Ermittlungen und Presse-Recherchen, die der Milliardär immer wieder be- oder verhinderte – teils mittels massiver Einschüchterung.

Als sich 2008 die Schlinge doch einmal bedrohlich um ihn zuzieht, entgeht er einer potenziell lebenslänglichen Haftstrafe durch einen Deal mit der Staatsanwaltschaft. Ein skandalöser Vorgang, der aber keineswegs zu Epsteins sozialer Ächtung führt. Erst die Wucht der MeToo-Bewegung hat eine Neueinschätzung des Falles zur Folge, aus der schließlich die Verhaftung Epsteins resultiert. Lisa Bryant war da schon mitten im Dreh – und hatte plötzlich ein ganz neues Ende für ihre beeindruckende Serie.
„Jeffrey Epstein: Stinkreich“, vier Teile, bei Netflix

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