Neue Netflix-Serie: "Seven Seconds" : Blutiger Schnee

Die Netflix-Serie „Seven Seconds“ fiktionalisiert polizeiliche Gewalt gegen Afroamerikaner. Und vermeidet das Schlimmste, was Fiction in der aufgeheizten Stimmung tun könnte.

Jan Freitag
Hauptdarstellerin Regina King
Hauptdarstellerin Regina KingFoto: picture alliance / dpa

Blutiger Schnee ist ein besonders bildmächtiger Filmkontrast. Schon seit den Brüdern Grimm symbolisiert blutiger Schnee die Kontamination des Unbefleckten in einer Intensität, die das Winter-Drama „Fargo“ der Brüder Coen vor 22 Jahren auf ein legendäres Niveau gehoben hat. Im blutigen Schnee, so lautet spätestens seit damals die cineastische Botschaft, setzt das Böse der Unschuld besonders drastisch zu. Und wenn jenseits vom blutroten Fleck auf schneeweißem Grund auch noch die Fackel der Freiheitstatue in New Yorks Himmel ragt, wird unmissverständlich klar: Hier geht’s um ganz grundsätzliche Fragen des menschlichen Miteinanders.

Die Lache stammt von Brenton Butler. Kaum dass der Teenager aus dem afroamerikanischen Hochhausghetto von New Jersey mit seinen Eltern ein winziges Stück die soziale Leiter aufwärts in ein kleines Häuschen geklettert ist, trifft ihn versehentlich die Kugel eines Cops – das ist die Ausgangslage der Netflix-Serie „Seven Seconds“.

Zehn Episoden lang verhandelt sie eine Eskalationsspirale, die alles beinhaltet, was in den USA zur schmerzhaften Realität gehört. Die Staatsgewalt will den Fall mit legalen wie illegalen Mitteln vertuschen. Ihre Opfer begehren kollektiv auf. Es kommt zu Bürgerkriegsszenen, die seit der Präsidentschaft Donald Trumps nochmals an Härte zugenommen zu haben scheinen.

Seit vier weiße Polizisten den schwarzen Kleingangster Rodney King vor 27 Jahren nach einer Festnahme wegen Geschwindigkeitsübertretung krankenhausreif verprügelt haben und der anschließende Freispruch durch ein weißes Gericht trotz unzweideutiger Videobeweise zu den „L. A. Riots“ führte, zählen schwarze Aufstände gegen weiße Polizeiwillkür zur Ikonografie US-amerikanischer Innenpolitik.

Im Zentrum der Erzählung stehen – ungewöhnlich genug – zwei Frauen dunkler Hautfarbe

Erst voriges Jahr wurden der endlosen Chronologie einer strukturell rassistischen Gesellschaft diverse Kapitel hinzugefügt: Charlottesville, Anaheim, Anthony Lamar Smith, Eric Garner, Erstickungstode und Neonaziaufmärsche – Showrunnerin Veena Sud musste bloß aufmerksam Breaking News schauen, um mehr als genug Stoff für die Adaption des russischen Spielfilms „The Major“ zu sammeln.

Im Zentrum der Erzählung stehen – ungewöhnlich genug – zwei Frauen dunkler Hautfarbe. Zum einen Regina King als strenggläubige Mutter des Opfers, die mit jeder Enttäuschung über die staatliche Blockade echter Aufklärung mehr den Aufstand dagegen anheizt. Zum anderen die junge Staatsanwältin K. J. Harper (Clare-Hope Ashity), die spürbar zwischen der Loyalität zur eigenen Bevölkerungsgruppe und juristischem Gerechtigkeitssinn schwankt. Mit jeder staatlich gedeckten Schweinerei, die sie an der Seite von Michael Mosley als Detective Joe „Fish“ Rinaldi enthüllt, wird ihre Neutralität stärker auf die Probe gestellt.

Dass sie ihr dennoch nicht – wie die von Netflix vorab seltsam spärlich lancierten Infos nahelegen – vollends entgleitet, ist ein Grund mehr, sich auf die Produktion des Streamingdienstes einzulassen. Das Schlimmste, was Fernsehen in der aufgeheizten Stimmung tun könnte, wäre, dem Schwarzweißdenken der Realität die letzten Grautöne wegzuinszenieren. „Seven Seconds“ erweckt nicht den Anschein, dies zu tun. Jan Freitag

„Seven Seconds“, ab Freitag zehn Folgen auf Netflix

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