Neue Netflix-Show „Douglas“ : Comeback der Komikerin Hannah Gadsby

Hannah Gadsby zeigt ihre neue Show „Douglas“ bei Netflix. Darin fackelt die australische Komikerin ein feines Pointenfeuerwerk ab.

Intelligenter Quatsch. Hannah Gadsby, 42, bei ihrem Auftritt in L.A.
Intelligenter Quatsch. Hannah Gadsby, 42, bei ihrem Auftritt in L.A.Foto: Ali Goldstein/ NETFLIX

„Ich muss meine Geschichte richtig erzählen.“ Drei Mal sagte Hannah Gadsby diesen Satz in ihrer Comedy-Show „Nannette“. Und weil sie genau das tat, wurde die australische Komikerin weltweit bekannt, ihr Programm gewann mehrere Preise, darunter einen Emmy, und Netflix zeigte die Show ab 2018 als Special.

Ihre Geschichte richtig erzählen, bedeutete eine schmerzhafte Selbstreflexion: Hannah Gadsby erklärte, wie sie als junge Lesbe die Homofeindlichkeit ihrer Umgebung – sie wuchs im extrem konservativen Tasmanien auf – verinnerlicht und später erfolgreich in Witze verpackt hatte.

Sie hatte ihren Comedy-Rückzug angekündigt

Einige davon erzählte sie in „Nanette“ – nur um dieser Strategie dann eine radikale Absage zu erteilen. Im Publikum wurde es zusehends stiller, als Gadsby von der Gewalt sprach, die ihr widerfahren war – diesen Teil hatte sie immer weggelassen. Ihre Schlussfolgerung war, dass sie mit Comedy aufhören müsse, weil sie in einer toxischen Wiederholungsschleife feststeckte. „Pointen brauchen Trauma“ – das wollte sie sich nicht mehr antun.

Doch Hannah Gadsby hat diese Ankündigung nicht wahr gemacht und ist zurück mit einer Show bei Netflix. Sie heißt „Douglas“ – wie ihr Hund. Zu Beginn geht Gadsby kurz auf ihre Hit-Show ein, nennt den Nachfolger ihr schwieriges zweites Album, wobei es eigentlich ein Comeback-Album ist.

Dass sie ihren vermeintlichen Rückzug nicht erwähnt, ist umgehend vergessen, agiert sie doch so selbstbewusst und gut gelaunt, dass man sich über das Wiedersehen freut. Hannah Gadsby trägt wieder einen dunkelblauen Anzug, dazu weiße Turnschuhe. Sogar eine Deko gibt es diesmal: eine aus Wachsmalstiften gefertigte Hundeskulptur steht links hinter ihr auf der Bühne.

Ob sie Douglas nachempfunden wurde? Es bleibt das Geheimnis der 42-jährigen Komikerin, die in der ersten Viertelstunde eine genaue Inhaltsagabe der folgenden Stunde vorträgt.

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Diese Beschreibung – inklusive einer Prognose der Publikumsreaktionen – ist erstaunlich witzig. Schon in „Nanette“ hatte Gadsby immer wieder die Funktionsweisen ihres Handwerks erläutert, ging quasi von der Meta-Comedy in die Post-Comedy. So weit treibt sie es in der neuen Show zwar nicht, aber das lustvolle Auseinandernehmen von Witzmechaniken klappt auch diesmal.

Es scheint als habe die Vorgängershow einen kathartischen Effekt gehabt. Jetzt kann Gadsby befreit aufspielen und ihr Publikum mit intelligentem Quatsch zum Lachen bringen. Sie fackelt eine wahres Pointenfeuerwerk ab, wobei sie wieder geistreich-feministische Exkurse in die Kunstgeschichte (hat sie studiert) macht.

Vor vier Jahren wurde bei Gadsby Autismus diagnostiziert

Mitunter schreit Gadsby dabei ein bisschen zu viel. Andererseits hat sie ja auch recht: Wieso zum Henker heißt einer der Teenage Mutant Ninja Turtles Donatello, obwohl alle anderen Schildkröten-Ninjas nach Künstlern aus der Hochrenaissance benannt sind? Da war Donatello doch schon längst tot!

Über solche Dinge kann sich Gadsby ganz wunderbar aufregen. Es sind ihre „Kugelfisch-Momente“. Ganz plötzlich – sie macht ein Plop-Geräusch – geht sie hoch, bläht sie auf. Was allerdings in keinerlei Verbindung zu mit ihrem Zyklus steht: „Ich brauche meine Hormone nicht um unverhältnismäßig zu reagieren!“

„Douglas“ ist eine vergnügliche Show, natürlich nicht so genreerschütternd wie „Nanette“, aber ein solider Nachfolger. Ganz ohne Trauma kommt Gadsby dann aber doch nicht aus. In der Mitte berichtet sie von ihrem Autismus, der vor vier Jahren diagnostiziert wurde.

Wenn sie dann eine Schulstunde beschreibt, die wegen ihrer krankheitsbedingten Fragen einst völlig aus dem Ruder gelaufen war, erinnert das an das selbstironische Muster ihrer Coming-Out-Comedy. Davon hatte sie doch eigentlich genug ... Wahrscheinlich ist ihr das längst aufgefallen – die nächste Show wird es zeigen.
„Hannah Gadsby: Douglas“, ab jetzt bei Netflix

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