Neue Serie auf Sky : "Succession" - Macht als Todfeind

Von Geburt an in liebevoller Verachtung zugetan: Die grandiose HBO-Serie „Succession“ um eine New Yorker Mediendynastie.

Jan Freitag
Wie bei den Hearsts und Murdochs. Bei den Roys aus Manhattan herrscht ein greises Oberhaupt über Firma & Familie: der Presse-Mogul alter Schule (Mitte: Brian Cox).
Wie bei den Hearsts und Murdochs. Bei den Roys aus Manhattan herrscht ein greises Oberhaupt über Firma & Familie: der Presse-Mogul...Foto: Foto: © [2018] Home Box Office,

Wahrhaft mächtiger Reichtum, darauf hat sich die TV-Fiktion schon Ende der 1970er geeinigt, wahrhaft mächtiger Reichtum ist mühsam, erschöpfend und vielfach fatal. Spätestens, seit mit J.R. Ewing und Alexis Carrington in den US-Serien „Dallas“ und „Denver Clan“ ein (auto)aggressiver Typus wohlhabender Misanthropen an die Spitzen großer TV-Dynastien rückte, glich das Hauen und Stechen, das Intrigieren und Korrumpieren unter Blutsverwandten eher einem Schlachtfeld als Familientafeln. Kein Wunder also, dass es auch um Leben und Tod geht, wenn sich die Unternehmersippe Roy in der neuen HBO-Serie „Succession“ zum 80. Geburtstag ihres Patriarchen namens Logan versammelt.

Anders als in Denver und Dallas handeln die wahrhaft reichen Machthaber in „Succession“ nicht mit Öl oder ähnlich klassischem Schmierstoff des Kapitalismus alter Prägung. Der optisch brillante, dramaturgisch diskrete, gelegentlich dokumentarisch anmutende Zehnteiler spielt im Kosmos großer Medienkonglomerate. Wie einst bei den Hearsts und Murdochs, den Berlusconis und Burdas herrscht auch bei den Roys aus Manhattan ein greises Oberhaupt über Firma, Familie, die große kleine Welt des schrumpfenden, aber noch immer gewaltigen Einflusses.

Doch um den ringt der Presse-Mogul alter Schule – herrlich stur gespielt vom Shakespeare-Darsteller Brian Cox – nicht nur mit der digitalen Konkurrenz, deren Bedeutung er sehenden Auges ignoriert; auch die Verwandtschaft sitzt ihm im Nacken. Namentlich: seine vier Kinder.

Der ehrgeizige, aber fragile Kendall (Jeremy Strong), die freimütige, aber durchtriebene Shiv (Sarah Snook), der zielstrebige, aber sprunghafte Roman (Kieran Culkin), der redliche, aber zwielichtige Connor (Alan Ruck) – sie alle sind sich, quasi von Geburt an, in liebevoller Verachtung zugetan. Der Stellungskrieg um den weltweit fünftgrößten Entertainment-Konzern Waystar Royco gerät jedoch erst zur offenen Schlacht, als Vater Logan beim Jubiläumsbankett einen Schlaganfall erleidet.

Subjekte der Shareholder-Economy als Spielbälle

Noch am Krankenbett wird das Bärenfell verteilt. Schließlich ist „Succession“ etymologisch betrachtet nicht nur die Mischung aus Erfolg und Besessenheit. Es ist auch ein anderes Wort für Nach-, besser noch: Erbfolge. In der möchte man trotz aller Verlockungen grenzenloser Mittel und Möglichkeiten partout nicht stecken.

Showrunner Jesse Armstrong schafft es nämlich spielend, das mittelalterliche Gemetzel von „Game of Thrones“ passgenau auf die vermeintlich zivilisierte Gegenwart zu übertragen, dass die Macht darin zur Ohnmacht wird, somit alles andere als erstrebenswert.

Seine fünf Regisseure lassen keine Gelegenheit aus, die angeblich so einflussreichen Subjekte der Shareholder-Economy als Spielbälle ihrer selbst geschaffenen Einflussbereiche zu zeichnen. Das zeigt sich gleich in der ersten Szene, als der statusstolze Konzernkönig Logan Roy nachts orientierungslos auf den Teppich seines Luxus-Appartements pisst. Es setzt sich beim Erbprinzen Kendall fort, dem der Chauffeur vorm Mega-Deal „Sie sind der Beste“ zusichert, bevor ihn ein Startup-Emporkömmling demütigt.

Eindrücklich wird gezeigt, wie Macht am Ende alle unterdrückt, selbst jene, die scheinbar frei darüber verfügen. So deutet sich bereits am Ende der ersten Folgen dieser herausragenden Serie zaghaft an, dass derart destruktive, betriebsblinde, selbstsüchtige Dynastien schon deshalb aussterben, weil sie sich untereinander schlicht zu spinnefeind sind, um Erben zu produzieren. Erben, die das Spiel gegenseitiger Erniedrigung weiterspielen.

So gesehen versetzt „Succession“ „Citizen Kane“ nicht nur in die Ära neuer Medien, es singt der Klassengesellschaft frühkapitalistischer Prägung einen tiefgründig wuchtigen, sensationell unterhaltsamen Abgesang.

„Succession“, Sky, zehn Folgen

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