Neue Staffel mit Jerry Seinfeld : Der will nur spielen

"Comedians auf Kaffeefahrt" auf Netflix: Jerry Seinfeld oder der Erfolg, der aus der Inhaltsleere kommt.

Jan Freitag
Gegenseitiges Beweihräucherungspingpong in der Netflix-Show „Comedians auf Kaffeefahrt: Frisch gebrüht“.
Gegenseitiges Beweihräucherungspingpong in der Netflix-Show „Comedians auf Kaffeefahrt: Frisch gebrüht“. In der ersten Folge der...Foto: Netflix

Es gibt da dieses seltsam ziellose Blinken, das seit dem ersten Flug vom Raumschiff Enterprise über alle Kommandobrücken zeitgenössischer Science-Fiction flackert. Ein unablässig laufendes Licht, das trotz unverkennbarer Nutzlosigkeit bis heute oft den Anschein futuristischer Rastlosigkeit suggeriert. Die Branche hat ihm sogar ein hübsches Bonmot gewidmet: goes nowhere, means nothing. Was nichts bedeutet und nirgendwo hinführt, aber irgendwie immer da ist – das könnte allerdings auch gut ihn beschreiben: Jerry Seinfeld.

Seit seiner sensationell inhaltsleeren, noch sensationeller erfolgreichen Sitcom, mit der er die Glanzzeit des dualen Systems unterm Klarnamen als Titel kurz vorm Jahrtausendwechsel geprägt hat wie kein Zweiter, sorgt das Entertainment des Spaßfabrikanten aus New York für Heiterkeit ohne Hintersinn.

Seinfeld ist seit jeher Seinfeld ist Seinfeld ist dieses interstellare Licht auf Erden, dem Abermillionen Zuschauer beim wortreichen Wenigsagen beiwohnen. Nirgends allerdings war dieser Meister des geistvollen Überflusses näher bei sich als in jenen Selbstzwiegesprächen, die er seit Juli 2012 im Internet mit anderen führt.

„Comedians in Cars Getting Coffee“ heißt die Web-Serie der Sony-Plattform Crackle, was Netflix Anfang vorigen Jahres mit „Comedians auf Kaffeefahrt“ nur unzureichend, aber endlich deutsch untertitelt übersetzen ließ. Seither werden Fans etwas leichter verständlich als im Original Zeugen einer Talkshow, die wohl so nur an Ost- und Westküste der USA denkbar ist: 36 Jahre nach seinem Stand-up-Debüt setzte sich der Endfünfziger ans Steuer vorwiegend großkotziger Oldtimer und unterhielt sich darin mit Kollegen über, tja – worüber nun eigentlich?

Gauklern beim Gaukeln zuschauen

Schon bei der Premiere beschränkte sich der Gastgeber die Mehrzahl der durchschnittlich zwanzig Minuten darauf, mit dem ebenso wunder- wie wandelbaren Jim Carrey zu diskutieren, wer von beiden denn nun großartiger sei. Und nachdem von Mel Brooks über Ellen DeGeneres bis Jerry Lewis nahezu alles auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat, was Amerikaner vor laufenden Kameras je zum Lachen brachte, steigt zu Beginn der 11. Staffel nun kein Geringerer als Eddie Murphy in einen Porsche Carrera GT, um zunächst mal offenzulassen, für wen hier auf doppelter Länge PR gemacht wird: die elitäre Dreckschleuder made in Germany oder zwei Spaßmacher aus Brooklyn, deren Bühnendebüt 43 Jahre zuvor am selben Abend auf der gleichen Bühne ihrer Heimatstadt stattfand.

Obwohl die angeblich zu Gast und Beruf passende Automarke (hat Ecken und Kanten wie jeder gute Comedian) regelmäßig telegen (und sicher nicht kostenlos) durchs Bild gleitet (als wär’s ein Zuffenhausener Imagefilm), zeigt sich rasch: Die Dauerwerbesendung gilt letztlich doch den zwei Platzhirschen des Massenhumors, die sich zwischen Mahagoni-Schaltung und Hipster-Café anekdotenreich gegenseitig feiern.

Klingt nach viel Fremdschampotenzial? Zu Recht! Jerry Seinfeld und Eddie Murphy sind beim Beweihräucherungspingpong nämlich nur deshalb keine Prototypen profilneurotischer weißer alter Männer, weil einer von ihnen dafür zu dunkelhäutig ist.

Umso mehr erstaunt jedoch das Verblüffende an diesem jazzumflorten Tête-à-Tête: Es ist wirklich sehenswert. Einfach, weil es wenig will, weil es recht kurzweilig vor sich hinblinkt wie die Lauflichter der Enterprise. Weil es buchstäblich Zeitvertreib ist, Gauklern beim Gaukeln zuzusehen – nur eben nicht auf mittelalterlichem Marktplatz, sondern einem Highway der Eitelkeiten.

Im Anschluss ans Comedy-Fossil Eddie Murphy betritt ihn sein jüngerer Epigone Seth Rogen, der mit Jerry Seinfeld immerhin mal kurz darüber räsoniert, warum alle Welt die Elternschaft so verherrlicht. Ernster wird’s nicht im mächtigen Dodge Royal, Baujahr 1976, als Comedy – so legen es viele Rückblenden ins Leben der amerikanischen Humorelite nahe – noch etwas interessanter war. Interessant genug jedenfalls, um sich mit Stars wie Ricky Gervais, Jamie Foxx, Matthew Broderick bei Kohlenmonoxid und Kaffee darüber zu unterhalten.

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