Noch zehn Mal, dann ist Schluss : Der Tagesspiegel-Countdown zum Ende der „Lindenstraße“

„Lindenstraße“-Autor Michael Meisheit über den frühen Sonntagabend und das kollektive Gedächtnis der Deutschen. Zum Start unseres Countdowns.

Schock für Konstantin (Arne Rudolf): Auf offener Straße wird er als Kinderschänder beschimpft. Lea (Anna Sophia Claus) versucht ihm beizustehen.
Schock für Konstantin (Arne Rudolf): Auf offener Straße wird er als Kinderschänder beschimpft. Lea (Anna Sophia Claus) versucht...Foto: WDR/Steven Mahner

Michael Meisheit war über 20 Jahre Autor der „Lindenstraße“ (Sonntag, ARD, 18 Uhr 50), deren letzte Folge am 29. März läuft. Meisheit veröffentlicht auch unter dem Pseudonym Vanessa Mansini.

Als wir in der „Lindenstraße“ die Geschichte der trans Frau Sunny erzählt haben, erfuhr ich von einem trans Mann, wie tief ihn diese Folgen berührt hatten. Er outete sich daraufhin am Arbeitsplatz, fand zu seinem Glück.

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl für einen Autor, mit der Fiktion reale Leben positiv beeinflussen zu können. Dies ist nur eine von vielen realen Begebenheiten, die von unseren Geschichten ausgelöst wurden.

Über die Jahre haben wir zahllose derartige Reaktionen von Zuschauer*innen erhalten. Outing, Umdenken, Trost in Trauerfällen, mit seinen Problemen gesehen werden.

Oder seien es auch nur Kleinigkeiten: Als ich 1997 bei der „Lindenstraße“ frisch als Autor angefangen hatte, hörte ich unfreiwillig im Bus das Telefonat einer Frau mit. Empört sagte sie: „Dann ruft die mich Sonntagabend um sieben an. Das macht man doch nicht: während der ,Lindenstraße‘ anrufen.“

Autor Michael Meisheit.
Autor Michael Meisheit.Foto: WDR/Steven Mahner

So gut wie jeder Fan, den ich im Laufe der Jahre kennengelernt habe, bestätigte dieses Tabu. Sonntagabend wird das Handy ausgeschaltet, die Klingel abgestellt. Dann ist die Zeit der „Lindenstraße“ gekommen, genauso unverrückbar im eigenen Leben wie der Arbeitsbeginn, der Vereinsabend, Weihnachten oder Geburtstage.

Die „Lindenstraße“ ist ein Teil von unzähligen Leben. Sie ist ein Teil dieses Landes. Mit vielen Menschen habe ich über meine Arbeit als Autor geredet.

Wenn ich auf die Frage, was ich denn schreibe, mit „Lindenstraße“ geantwortet habe, gab es keinen Einzigen, der nicht wusste, worum es sich dabei handelt. Selbst die, die die Serie nie gesehen hatten, redeten plötzlich über die Beimers oder den „Rastamann“ oder den „Arzt im Rollstuhl“.

Es gibt ein kollektives Wissen über die fiktive Straße in München. Daraus wird nun eine kollektive Erinnerung.

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