Oliver Kalkofe im Interview : „Privat schaue ich nur, was Spaß macht“

Seit 25 Jahren parodiert Oliver Kalkofe für seine „Mattscheibe“ das TV-Programm. Das Fernsehen ist seither zynischer und inhaltsleerer geworden, sagt der Kritiker. Doch es gebe auch Anlass zur Hoffnung.

Fremdschäm-Momente nachgespielt. Vor 25 Jahren kam „Kalkofes Mattscheibe“ ins Fernsehen. 2012 parodierte Oliver Kalkofe in Doppelrolle das Gespräch von Jenny Elvers-Elbertzhagen (links) mit Bettina Tietjen. An Karfreitag sendet Tele 5 ab 20 Uhr 15 die Jubiläumsgala mit 25 Clips und Gästen wie Dietmar Wischmeyer. Foto: Tele 5
Fremdschäm-Momente nachgespielt. Vor 25 Jahren kam „Kalkofes Mattscheibe“ ins Fernsehen. 2012 parodierte Oliver Kalkofe in...Foto: TELE 5

„Kalkofes Mattscheibe“ lief ab

1991 zunächst im

„Frühstyxradio“ von radio ffn.

1994, also vor 25 Jahren, wechselte die TV-Parodie, in der sich Oliver Kalkofe per Bluescreen-Technik in die von ihm kritisierten Fernsehformate begibt, zu Premiere.

2003 kam die „Mattscheibe“ zunächst zu ProSieben, wo sie bis 2008 ausgestrahlt wurde. Nach einer Pause von vier Jahren fand Kalkofe auf Tele 5 eine neue Heimat. Wie in den Anfangszeiten haben die regulären Sendungen nun wieder eine Länge von 15 Minuten. sag

Herr Kalkofe, Ihre Tele-5-Sendung „Kalkofes Mattscheibe“ wird 25. Wie viel Jahre ihres Lebens haben Sie mit der Tätigkeit des Fernsehens verbracht?

Auf jeden Fall zu viele. Sowohl in meiner Kindheit und Jugend in Peine, die nicht gerade besonders aufregend waren und wo das Fernsehen eine der wenigen Fluchtmöglichkeiten in aufregendere Welten darstellte, wie auch später beruflich. Und zusätzlich schaue ich ja auch heute noch gern privat, allerdings dann nur das, was auch Spaß macht.

An Beispielen für schlechtes Fernsehen mangelt es sicher nicht. Wie sehen für Sie die Top 3 der TV-Flops aus?

Auf Platz 3 ein Klassiker: „Germany’s Next Topmodel“. Hier werden junge, meist minderjährige Mädchen unter falschen Glamour-Versprechungen dazu angelernt, zu gehorchen und dabei sexuell attraktiv zu sein. Für mich eine Mischung aus Militär und Escort-Service. Platz 2: all die neuen Bums-und-Body-Formate wie „Love Island“ oder „Naked Attraction“, wo Menschen als Frischfleisch nackt mit verdecktem Kopf in Glaskästen gestellt werden und dann nach Pimmel, Arsch- und Hupen-Analyse als Date aus- oder abgewählt werden. Auf 1 immer noch sämtliche Scripted-Reality-Formate, egal wie sie heißen. Das ist menschenfeindlich, lieblos und hat nichts mit echtem Fernsehen zu tun.

Und wer kommt auf die Bestenliste?

Alle Sendungen, in denen man merkt, dass Menschen mit Spaß und Leidenschaft bei der Sache sind, das eigene Produkt mögen und ihr Publikum noch ernst nehmen.

Was war eigentlich die ursprüngliche Idee für „Kalkofes Mattscheibe“ und was ist davon geblieben?

Ganz am Anfang im Radio war die Idee eine Art lustiger Rückblick auf das jeweils wichtigste TV-Event des Wochenendes, aber schon nach drei Folgen wurde ich relativ wütend auf die Programme, weil ich als alter Fernsehfan das Gefühl hatte, nur noch verarscht zu werden. So kam es dann zu einer satirischen Kritik mit der Klarheit und Härte, wie man auch zu Hause auf dem Sofa sprechen würde, das war damals keineswegs üblich. Die ehrliche Wut und die klaren Worte sind geblieben, ebenso der Spaß an der Arbeit – nur das Fernsehen hat sich sehr stark verändert. Und das Internet kam dann als neuer Quell des Wahnsinns auch noch dazu.

Ist das Fernsehen heute besser oder schlechter als 1994?

Das Fernsehen ist zynischer und inhaltsleerer geworden. Mitte der 90er war das Privatfernsehen auf seinem Höhepunkt, dort arbeiteten Menschen, die nach Jahren öffentlich-rechtlicher Unterhaltungsrationalisierung zeigen konnten, was sie draufhaben und dass man auch im deutschen TV Spaß haben kann. Da ging dann viel in die Hose, aber es war eine Art naiver überdrehter Wahnsinn, man wollte das Publikum unterhalten. In den letzten Jahren ging es meist nur darum, mit wenig Geld und Mühe Sendeplätze zu füllen und gute Bilanzen zu erzielen, das Publikum hielt man für dumm und kritiklos.

Und die Öffentlich-Rechtlichen?

Die schauten jahrzehntelang wie betäubt zu, setzten nichts Innovatives dagegen und hofften auf die Rückkehr der guten alten Zeiten.

Doch das lässt die Streaming-Konkurrenz nicht zu.

Der momentane Erfolg der Streaming-Dienste beweist den Sendern gerade, dass das Publikum keineswegs so blöd und uninteressiert ist, wie man immer behauptet hat. Im Gegenteil: je komplexer, kreativer und klüger eine Serie ist, desto mehr Aussicht hat sie auf Erfolg. Jetzt erkennt man langsam: es kommt doch auf den Inhalt und auf Qualität an. Die ersten zaghaften Versuche durch Ko-Produktionen, endlich wieder was zu wagen, machen zumindest Hoffnung.

Als „Kalkofes Mattscheibe“ startete, gab es noch Lagerfeuer-TV mit Sendungen wie „Wetten, dass ..?“. Vermissen Sie diese Zeiten?

Die Möglichkeit dazu gibt es ja immer noch. Beispielsweise unser eigenes Produkt #SchleFaZ – „Die schlechtesten Filme aller Zeiten“ auf Tele5. Dafür treffen sich die Menschen in Gruppen, kostümieren sich und die Haustiere, machen die speziellen Cocktails und twittern wie verrückt – das ist pures Lagerfeuerfernsehen. Nur halt modern und in kleinerer Zahl.

Es ist allerdings ein Irrglaube, dass man heute noch alle Generationen und alle Geschmäcker gemeinsam für ein paar Stunden vor die Kiste nagelt, dafür gibt es inzwischen einfach zu viele Alternativen. Es gibt nicht mehr ein großes Feuer für alle, aber viele kleine Feuer für kleinere Gruppen sind immer noch möglich, wenn es heiß genug brennt!

Das Interview führte Kurt Sagatz

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