"Philosophie Magazin" reloaded : Sokrates für die Tasche

Bloß keine Unterforderung: Das „Philosophie Magazin“ kommt dem Leser jetzt auch aufs Handy. Und nimmt die Eltern aufs Korn.

Das neue "Philosophie Magazin".
Das neue "Philosophie Magazin".Foto: Promo


Haben wir eine freien Willen? Wir verändern uns ständig – und doch bleiben wir ein Leben lang dieselben? Lässt sich Liebe regeln? Wer sich über die grundsätzlichen Fragen des Lebens Gedanken macht, sucht nicht unbedingt am Zeitschriftenkiosk nach Antworten. Vielleicht ist das ein Fehler – zumindest, wenn es nach Svenja Flaßpöhler geht, der Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“. Pro Ausgabe verkauft das Heft bis zu 30 000 Exemplare, hat 10 000 Abonnenten. Es gibt da draußen also durchaus Erkenntnisinteressen, die sich via Tageszeitung, „Tagesschau“, Sozialer Medien etc. nicht stillen lassen. Nun sollen es noch mehr Leser werden: Mit einem neuen Design und Rubriken will das am Donnerstag erscheinende „Philosophie Magazin“ lebensnäher werden.


Braucht es das wirklich? Es gibt ja gerade auch in Zeiten von Klimawandel, Fridays for future, KI etc. ein starkes Interesse an einer philosophischen Betrachtungsweise unserer Gegenwart, was sich verstärkt in Tages- und Wochenzeitungen wie der „Zeit“ wiederfindet. „Philosophie ist unser Markenkern“, sagt dagegen Flaßpöhler. Was lässt sich mit Platon zur Organspende sagen? Was mit Friedrich Engels zur Wohnungsnot? „Wir schöpfen ganz gezielt aus der Philosophiegeschichte, machen sie für die Gegenwart fruchtbar und gewinnen so ganz andere Perspektiven auf aktuelle Phänomene, Ereignisse, Streitfragen.“


Als da sind: 30 Jahre Mauerfall, Brexit, Klimaschutz (mit der Grundfrage: Staat oder Individuum, wer muss vorangehen?), Transsexualität – tatsächlich verschafft die Lektüre der 100-seitigen Ausgabe einen sinnvollen Abstand zu den Themen der Zeit, wenn sich auch die eine oder andere Geschichte in ihrem vorgegebenen Tiefgang nicht ganz erschließt.

Gerne hätte man von CSU-Mann Erwin Huber, der sich im Alter von 72 Jahren, nach der Politiker-Karriere, als Philosophiestudent eingeschrieben hat, gewusst, inwiefern ihm die Heidegger-Lektüre, sein „Wille zur Weisheit“, einen anderen Blick auf die Existenz der Politik gebracht hat, konkret auf die Taten eines Politikers, der, wie schon viele andere vor ihm, einfach nicht von der Macht lassen kann, obwohl ihm Parteikollege Horst Seehofer auf dem Weg nach ganz oben ständig dazwischen- kommt.

Hörigkeit von Eltern gegenüber „rigiden Ökoidealen“ ihrer Kinder


Ergiebiger da schon das große Judith-Butler-Interview zur Verwundbarkeit der Gesellschaft oder die Kolumne von Thea Dorn (neben der Flaßpöhler neulich im „Literarischen Quartett“ saß) in der neuen Streit-Rubrik „Arena“: Eine Kritik an der neuen Hörigkeit von Eltern gegenüber den „rigiden Ökoidealen“ ihrer plötzlich vegan sein wollenden Kinder mit dem Schluss einer tiefen Krise des Erwachsenseins. Das ist überdeutlich gegen den Strich gebürstet, ganz im Sinne der Magazin-Devise: „Andere Meinungen sind für uns keine Zumutung“.


Kommentare und Online-Klicks bringt das sicherlich – mehr Lebensnähe, was ja manchmal die Gefahr der Verflachung oder des Populismus in sich trägt, was es im neunten Jahr eines von Groß-Verlagen unabhängigen Unternehmens nicht unbedingt braucht. Lebensoptimierer-Hefte à la „Super You“ gibt es genug.

Das „Philosophie Magazin“ schwankt zwischen „Fokus“-Häppchen-Journalismus (Zitat-Blasen, großformatige Bilder, dem Online-Format „Sokratischer Impuls“, indem die Redaktion Denkanstöße zu aktuellen Themen aufs Smartphone liefert) und tiefenentspannter Lektüre, die es woanders am Kiosk nicht allzu häufig gibt, außer vielleicht bei „agora 42“, dem philosophischen Wirtschaftsmagazin mit seinen quartalsweise 10 000 Exemplaren.


„Der größte Fehler“, sagt Svenja Flaßpöhler, „der flächendeckend gemacht wird: Man unterfordert das Publikum und denkt, dass an Thesengedresche und Pausengeklimper mehr Interesse besteht als an vertiefenden Diskursen, die wirklich neue Einsichten freilegen.“ Die Chefredakteurin und Philosophin wünscht sich mehr Präsenz von Philosophie im öffentlichen Raum. Im – für solche Diskurse eigentlich vorgesehenen – öffentlich-rechtlichen Fernsehen findet sich außer „scobel“ und „Precht“ kaum etwas. Von daher sind die 7,90 Euro alle acht Wochen fürs „Philosophie Magazin“ gut angelegt, auch im neuen Design.