"Polizeiruf" des RBB : Der Tod und das Mädchen

Romantik, MeToo und deutsch-polnisches Verhältnis: Der neue RBB-„Polizeiruf“ überschreitet Grenzen in mehrfacher Hinsicht.

Im Grenzbereich. Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Kollege Adam Raczek (Lukas Gregorowicz, rechts) untersuchen die gefundenen Sachen von Paula.
Im Grenzbereich. Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Kollege Adam Raczek (Lukas Gregorowicz, rechts) untersuchen die...Foto: rbb/Oliver Feist

Eine Wasseroberfläche, Wellen glitzern, wir sehen der Oder beim Fließen zu. Dann erhebt sich eine Badende. Sie ist wunderschön. Schreitet ans Ufer. Sie bleibt stehen und guckt. Da ist jemand, den wir nicht sehen. Kurz darauf ist die Polizei an jener Stelle am Ufer. Sie haben eine Tote – das Mädchen aus der Oder. Sie heißt Paula, war in der Nähe bei einem gewissen Leo Heise (Jan Krauter) als Au-Pair-Mädchen angestellt, einem Vater zweier Kinder, der bei seinen Eltern lebt, dem betuchten Arzt Gerd Heise (Götz Schubert) mit Frau Katarzyna (Lina Wendel). Spurensicherung und Befragungen, Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Kollege Adam Raczek (Lukas Gregorowicz) tun ihre Jobs.

Der RBB-„Polizeiruf“ spielt im deutsch-polnischen Grenzgebiet mit seiner ganz besonderen Atmosphäre. Da ist der Fluss, da sind seine Ufer, da ist die so unterschiedliche Mentalität der Deutschen hier, der Polen dort, das Protestantische, das Katholische, das kantige Deutsch, das kehlige Polnisch. Das alles mischt sich und bildet mehr als eine Kulisse: ein Milieu. Dessen besondere Ausstrahlung ist der RBB-„Polizeiruf“ mit der Dienststelle Swiecko seinen Zuschauern immer schuldig. Auch der „Fall Sikorska“ von Stefan Kornatz (Regie) und Bernd Lange sowie Hans-Christian Schmid (Buch) erfüllt diese Aufgabe von der ersten Einstellung an.

Lenski und Raczek ziehen los. Sie sind sich nicht besonders grün, obwohl sie sich im Grunde mögen und auch als Profis schätzen. Bei dem Fall zeigen sie mal wieder, wie unterschiedlich ihre Vorgehensweisen sind. Er hat keine Lust, in der Vergangenheit rumzustochern, sie spürt das Bedürfnis und wird fündig. Bei Doktor Heise, in dessen Haus Paula die Enkel gehütet hat, gab es vor 15 Jahren einen Vermissten-Fall, der nicht aufgeklärt werden konnte. Heises Stieftochter Julia, von Frau Katarzyna aus der ersten Ehe mitgebracht, verschwand als Jugendliche spurlos. Das war der „Fall Sikorska“.

Jeder könnte schuldig sein

Aufgeschreckt durch den Mord im Umkreis der Familie meldet sich jetzt der erste Ehemann von Frau Heise, Pavel Sikorski, der leibliche Vater der verschwundenen Julia. Er hatte den Doktor, der ihm einst die Frau ausspannte, in Verdacht, seine Tochter auf dem Gewissen zu haben. Jetzt kriegt er Oberwasser, macht sich wichtig bei der Polizei, bedroht seine Ex und stellt dem Doktor eine Falle. Derweil wird Paulas beste Freundin Milena verhört. Es stellt sich heraus, dass deren Freund ein Auge auf Paula geworfen hatte. War da mehr?

Ein Klima allseitigen Verdachts drückt auf die Gemüter. Jeder könnte schuldig sein. Was ist mit Leo Heise? Hatte er was mit dem Au-pair-Mädchen? Schließlich war sie so schön. Als dann noch rauskommt, dass Doktor Heise vor vielen Jahren eine Kollegin in Potsdam sexuell bedrängt hat, steht es noch schlimmer um die Heises. Pawel Sikorski sieht seine Stunde gekommen.

Dieser „Polizeiruf“ ist ein klassischer Whodunnit. Er zeigt auf seine Art, dass die klassische Dramaturgie der Täterjagd, weit davon entfernt, überholt zu sein, immer noch Würde und Spannung besitzt, dass sie als Krimi-Variante unzerstörbar ist. Die Schauspieler agieren überzeugend. Götz Schubert ist als Kerl vom Dienst, dem man alles zutraut, ganz in seinem Element. Krzysztof Franieczek als Pawel Sikorski gibt den fleischgewordenen Vorwurf an die ungerechte Welt voller Emphase, aber ohne in die Karikatur abzugleiten. Und Lina Wendel als zweifelnde Gattin zeigt, wie viel ein zurückhaltendes Spiel vermag.

Schließlich darf man der Folge anrechnen, dass sie der Aufforderung an die Reihe, aktuelle Beunruhigungen aufzugreifen, punktgenau nachkommt. Das Thema sexueller Übergriff, die MeToo-Debatte, wird hier quasi nebenbei durchbuchstabiert. Warum hat die Potsdamer Kollegin Doktor Heise nicht angezeigt? Wurde sie wirklich genötigt oder hatte sie Gründe, Heise etwas zu anzuhängen? Was passiert mit den Menschen, wenn ein Klima des Verdachts ihre erotischen Wünsche erstickt oder pervertiert? Diese Fragen stellt der Film im Subtext, leise, aber unüberhörbar.

Das erste Bild ist die Venus Anadyomene, die Göttin der Schönheit, die den Fluten entsteigt. Dieses Bild wird sofort kontaminiert, weil der Tod, weil ein Mord dazwischenkommt. Der Film schafft es, die romantische Thematik „Der Tod und das Mädchen“ in den Rahmen eines Krimis zu stellen, ohne dass ihre bestürzende Note verloren ginge.

„Polizeiruf 110 – Der Fall Sikorska“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15