Porträt Lavinia Wilson : Verlockung und Tiefgang

Lavinia Wilson legt Wert auf Rollen, bei denen der Charakter wichtiger ist als die Haarfarbe. Jetzt wird sie die neue Partnerin von „Kommissarin Heller“.

Jan Freitag
Miteinander statt gegeneinander: Lavinia Wilson wird als Isabel Voigt zur wichtigen Stütze von Kommissarin Heller.
Miteinander statt gegeneinander: Lavinia Wilson wird als Isabel Voigt zur wichtigen Stütze von Kommissarin Heller.Foto: Foto: Hannes Hubach/ZDF

Wer Visionen hat, sagte Helmut Schmidt einst in seiner hanseatisch nüchternen Art, solle zum Arzt gehen. Fast 40 Jahre später ist die rheinisch exaltierte Kommissarin Heller dem Rat des Alt-Kanzlers zwar gefolgt; richtig geholfen hat er aber auch in psychiatrischer Behandlung wenig. Im Gegenteil. Seit Hendrik Verhoeven die Versetzung von Wiesbaden nach Karlsruhe beantragt hat, erscheint er seiner Kollegin zusehends als Trugbild. Im 8. Fall der ZDF-Ermittlerin nahm die Frequenz ihrer Visionen dann sogar so zu, dass sie sich einweisen ließ. Und der Effekt? Gering…

Zu Beginn des neuen Falls tagträumt sich Winnie Heller vom öden Pool der Reha-Klinik ins irre Wasserballett der Fünfziger und hat auch nach ihrer Rückkehr in den Polizeidienst wilde Halluzinationen. Beim Weg in die Wirklichkeit hilft also offenbar nur eine Extraportion schmidtschnauziger Sachlichkeit. Sie heißt Isabel Voigt, wirkt mit rotem Haar zum falschen Pelz zwar optisch überdreht; doch gleich am ersten Tatort, wo ein flüchtiger Vergewaltiger seinen Bewacher erschossen hat, wird klar: die von Lavinia Wilson willensstark gespielte LKA-Beamtin tut ihrer seelenwunden Partnerin in spe vor allem innerlich gut.

Mit elf Jahren im Kino, mit 13 im TV

Bei ihrer gemeinsamen Jagd nach dem Flüchtigen samt Hintermännern (oder -frauen?) gibt Lavinia Wilson ihrer Partnerin nicht nur heftig Contra, sondern neuen Halt. Und für diesen Spagat ist die gebürtige Münchnerin – die mehr als zwei Drittel ihrer 38 Jahre vor der Kamera stand – ideal. Seit ihrem zwangsvirilem Partygirl im Borderliner-Psychogramm „Allein“ (2004) verbindet sie wie kaum eine Kollegin weibliche Verlockung mit menschlichem Tiefgang. Eine Kombination, die fünf Jahre später im grandiosen Wirtschaftsdrama „Frau Böhm sagt nein“ so gut zur Geltung kam, dass Lavinia Wilson von Sozialstudie bis Beziehungsklamauk, von „Tatort“ bis „Deutschland 86“ längst alles spielt. Sofern sie denn will.

Dabei ist ihr Äußeres in einer Branche, die rotes Haar seit Technicolor-Zeiten zur Signalfarbe zugkräftiger Femme fatale erklärt, Fluch und Segen zugleich. „Als ich es mal abgeschnitten hatte“, erinnert sie sich an den Reflex am Set, „murmelte einer aus der Phalanx männlicher Entscheider nur verzweifelt, wo meine Weiblichkeit geblieben sei“. Seither widersetzt sie sich erfolgreich dieser Macht, „mich im Namen der Kunst nach eigenen Wünschen formen zu können“ und erhält vornehmlich Rollen, „bei denen der Charakter wichtiger und interessanter ist als Haarfarbe oder -schnitt“. Wie sie wahrgenommen würde, sagt aus Wilsons Sicht schließlich „mehr über den Betrachter aus als über mich“.

„Ich hoffe, Sie haben kein Problem mit Hierarchien“, startet Isabel Voigt die Zusammenarbeit, fügt aufrichtig „ich kenne Ihren schwierigen Ruf“ hinzu, um zu mahnen, „weder Alleingänge noch Psychomacken gebrauchen“ zu können. Eine sachlichere Kollegin scheint da kaum denkbar. Und was antwortet Kommissarin Heller? „Wollen wir nicht du sagen?“ Sie will. Winnie. Isabel. An die Arbeit. So klingt der neue Tonfall einer alten Krimireihe, die sich auch in frischer Besetzung angenehm vom polizeilichen Fernsehmainstream abhebt. Das liegt wie gewohnt an der hinreißend verschrobenen Lisa Wagner als Titelfigur. Ab nächstem Samstag liegt es aber auch an der hintersinnig betörenden Lavinia Wilson.

Miteinander statt gegeneinander

Es sagt demnach auch einiges über Kommissarin Hellers Stammregisseurin Christiane Balthasar, dass die resolute Isabel trotz divergierender Gemütslagen auf Augenhöhe mit der kippligen Winnie agiert. Ansonsten, klagt Wilson, „fällt Autoren ja oft nichts Besseres ein als zwei starke Frauen aufeinander losgehen zu lassen“.

Im „Tatort“ war das gerade bei Charlotte Lindholm zu beobachten, die im Revierkampf mit der Neuen Anaïs Schmitz sogar handgreiflich wurde. Hier hingegen ist von „Zickenkrieg“ keine Spur. Wie die Hauptdarstellerinnen zueinander stehen, miteinander umgehen, aufeinander eingehen, zeugt vielmehr von interessanter Bindung mit Fortsetzungspotenzial. Und lenkt zum Glück vom hanebüchenen Premierenfall ab, in dem Eifersucht, Rache, Stalking und Ego als Tatmotive manchmal doch wahllos durcheinander purzeln.

Winnies Visionen, so viel sei gespoilert, erweisen sich dabei zwar als Resultat eines Arzneimitteltests, der noch mehr Überraschungen bereithält. Die beste Medizin gegen Hellers Labilität ist allerdings ohnehin Kollegin Voigt. Auch ihretwegen kehrt sie langsam ins Leben zurück und bemüht sie sich um kollegiales Miteinander. Und erträgt das familiäre Chaos. „Hast du Kinder?“, fragt die getrennt lebende Mutter ihre eigenbrötlerische Partnerin. „Nee“, sagt Kommissarin Heller gewohnt flapsig, „ich bin das Kind“. Gut, dass sie jetzt eine Erzieherin im Wagen hat.

Die Episode "Herzversagen" in der ZDF-Reihe "Kommissarin Heller" läuft am 16. Februar um 20 Uhr 15

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