Porträt mit Dagmar Manzel : Geburtstag eines Clowns

Porträt einer Antidiva: Der Bayerische Rundfunk würdigt Schauspielerin Dagmar Manzel zum 60.

„Na wat denn, so wie du aussiehst?“ Dagmar Manzel in der Maske.
„Na wat denn, so wie du aussiehst?“ Dagmar Manzel in der Maske.Foto: BR/Michel Links

Sie spielt einen amoklaufenden Schrubber ebenso wie einen melancholischen Handfeger, sie spielt Besen jeder Art, wahlweise mit Naturborsten oder aus Vollsynthetik, aber sie spielt auch das Pfauenauge an einem antiquierten Staubwedel, unendlich filigran und sekundenschön. Mag sein, das können auch andere. Aber so wie sie, wie Dagmar Manzel?

Entscheidend sind die Kontraste, die Wortrhythmen, die Art, wie ihre Stimme mitten im Satz um gefühlte vier Oktaven fällt. Ihre erste große Rolle im vereinigten Deutschland bekam sie 1992 in Helmut Dietls „Schtonk!“. Sie brauchte nicht einmal eine Minute, um zu zeigen, wer hier sprach. Als Frau des Fälschers Professor Dr. Fritz Knobel (Uwe Ochsenknecht) brachte sie diesen vor dem Skandalreporter und Hitlertagebücher-Entdecker Hermann Willié (Götz George) in Sicherheit. Es blieb kein Zweifel, dass das Wort „Zweierbeziehung“ für diesen Fall der Annexion und Unterwerfung eines Fremdlebewesens, ihres Mannes also, ein glatter Euphemismus ist.

Man bekommt sofort wieder Lust auf den ganzen „Schtonk“, beim Wiedersehen dieser Szene in Josephine Links’ und Maria Wischnewskis schönem Film über Dagmar Manzel, der zum 60. Geburtstag der Schauspielerin am 1. September bereits am Montagabend im BR läuft. Die Regisseurinnen haben ihrer Annäherung den kongenialen Titel gegeben: „Dagmar Manzel – Porträt einer Antidiva“.

Diva? Wer Dagmar Manzel einmal auf einer Operettenbühne erlebt hat, versteht den Titel sofort, sowohl den ersten als auch den zweiten Teil des Wortes. Seit diese Schauspielerin angefangen hat zu singen, strömen selbst Menschen in die Komische Oper Berlin, die diese kulturelle Darbietungsform sonst sorgfältig meiden. Den meisten Fernsehzuschauern ist sie wahrscheinlich als Franken-„Tatort“-Kommissarin Paula Ringelhahn bekannt geworden.

Untergang des Staates, an den er geglaubt hatte

Paula Ringelhahn aus Wilhelm-Pieck-Stadt Guben. Wer legt schon Wert darauf, aus Guben zu kommen wie der erste DDR-Präsident? Mag sein, es ist eine Reverenz an ihren Vater, den Kommunisten. Wenig hat sie so sehr geschmerzt wie sein Verlust, er starb 1988. Irgendwie, sagt Dagmar Manzel, war doch auch etwas wie Gnade dabei, dass er den Untergang des Staates, an den er geglaubt hatte, nicht mehr erleben musste. Nach 1990 konnte man nichts Miserableres unter der Sonne sein - als Kommunist. Das gewöhnliche Publikum ist auf Lebensläufe wie die der Manzels gar nicht mehr vorbereitet.

Josephine Links und Maria Wischnewski finden einen guten Weg, sie zu erzählen. Immerhin hat ihr Vater souverän reagiert, als er erfuhr, dass seine Tochter aus der SED ausgetreten und katholisch geworden ist. Sie müsse über ihr Leben selbst entscheiden: „Aber Du darfst die Arbeiterklasse nicht verraten!“ Sätze wie diesen zitiert man gewöhnlich mit Hohn, doch Dagmar Manzel, ausnahmebegabt zum Hohn wie zu allen übrigen Formen der Wortkälte, spricht ihn mit Liebe. Sie habe, sagt sie in die Kamera, sofort verstanden, was gemeint ist: Du darfst nie vergessen, woher du kommst!

Wahrscheinlich vergeht kein Tag, ohne dass sie daran denkt. Sie gehört zu den Tiefwurzlern. Geboren in Berlin am 1. September 1958. Ein Stadtkind also, vermuten die meisten. „Ne“, sagt sie, „ich bin am See und vor den Bergen großgeworden.“ Sie zeigt auf den Müggelsee, den See aller Seen im Manzelschen Universum, und dahinter, kaum erkennbar, auf die Müggelberge. Müggelhügel wäre richtiger gewesen. Sie kommt aus Friedrichshagen. Sie ist der Typus, der in fremde Häuser hineingeht, um die Haustürscheiben von innen zu sehen.

Mit dem Blick ihrer Kindheit. Das Haus, in dem man aufgewachsen ist, wird nie fremd, auch wenn man Jahrzehnte lang nicht mehr darin wohnt. Hier, vor den Mülltonnen, hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, fliegen zu können, selbstvergessen, weltvergessen und doch vollkommen eins zu sein mit sich und der Welt.

Es ist das Bühnengefühl in den besten Augenblicken. Sie hat sich heimlich an der Schauspielschule beworben. Sie fürchtete den Spott der Geschwister. Dass es nichts werden würde, bezweifelte sie keinen Augenblick. Und dann war sie: genommen. Sagt es den Eltern, der Schwester. „Na wat denn, so wie du aussiehst?“ Halb Schrubber, halb Pfauenauge, unwiderstehlich also. So wie das große Reinigungsgeschwader des Deutschen Theaters, dem sie mit Mitte 20 angehörte: Inge Keller, Gudrun Ritter, Christine Schorn, Jutta Wachowiak und so weiter. Die ließen keine rein, die nicht ebenso kehren konnte wie sie.

Nein, das Kind zweier kommunistischer Lehrer hat die Arbeiterklasse nicht verraten. Sogar ihr Talent formuliert sie proletarisch, obgleich mit deutlich katholischem Einschlag: „Der Engel hat mir ins Gesicht gespuckt.“ Heißt: Dieses Geschenk ist zugleich eine Bürde. Barry Kosky, Intendant der Komischen Oper, hat das Gefühl, er kenne sie spätestens seit dem Auszug der Israeliten aus Ägypten. Es ist Urwahlverwandtschaft, Kosky: „Sie ist ein Clown wie alle großen Schauspieler.“ Das Gegenteil eines Kindergeburtstagsclowns, aber doch einer.

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„Dagmar Manzel – Porträt einer Antidiva“, BR, Montag, 22 Uhr

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