re:publica und Media Convention : Im digitalen Exil

Ohne Bällebad, aber mit Interneterfinder Vinton Cerf: re:publica und Media Convention Berlin finden nun doch statt – als Prototypen für eine neue Normalität.

Das Bällebad kann in diesem Jahr nicht geben, re:publica und Media Convention finden als TV-Stream statt – Diskussionen sind dennoch möglich.
Das Bällebad kann in diesem Jahr nicht geben, re:publica und Media Convention finden als TV-Stream statt – Diskussionen sind...Foto: Jens Kalaene/dpa

Eine solche re:publica hat es noch nicht gegeben, und auch die Media Convention Berlin wird nun in einer Form stattfinden, die man sich vor einigen Wochen noch nicht vorstellen konnte. Die Digitalisierung spielte bei den beiden Veranstaltungen schon immer eine große Rolle, die re:publica kann sogar als Mutter aller Digitalkonferenzen bezeichnet werden.

Doch was Andreas Gebhard, Markus Beckedahl, Tanja und Johnny Haeussler, Jeannine Koch und Alexandra Wolf am Freitag als Ersatz für die eigentlich geplante, und zunächst von Mai auf August verschobene physische Veranstaltung in der Station Berlin vorstellten, wird dem digitalen Anspruch erst richtig gerecht. Aus der Not der Coronakrise geboren gehen re:publica und Media Convention ins digitale Exil – oder zurück zur Wiege, dem Internet. Dass Vinton Cerf, einer der Erfinder des Internets, dabei sein wird – ist quasi das i-Tüpfelchen darauf.

Aus der gewohnten Veranstaltung mit mehreren zehntausend Besuchern wird am 7. Mai re-publica.tv. Auf vier Kanälen werden fast zwölf Stunden lang 89 Sprecherinnen und Sprecher in 53 Sessions nicht nur zu sehen und zu hören sein, über eine spezielle „Deep Dive“-Funktion können die Sprecher und Teilnehmenden auch miteinander diskutieren, damit re:publica und Media Convention nicht zu Informations-Einbahnstraßen werden.

Dialogisch-kritische Formate

Im Studio werden dabei aus infektionshygienischen Gründen immer maximal zwei Personen gleichzeitig anwesend sein, weitere Diskutanten werden dazugeschaltet. Herauskommen soll dabei mehr als eine abgefilmte re:publica. Vielmehr soll es dialogisch-kritisch Formate geben, inklusive Einspielern von Orten, an denen die Digitalkonferenz sonst noch auf der Welt gewesen ist, und mit Schalten beispielsweise zur Maker Szene.

Dass es die beiden Veranstaltungen in diesem Jahr überhaupt in geraffter Form geben kann, hat einerseits mit der Begeisterung zu tun, die die Macher am Experimentieren mit neuen digitalen Veranstaltungsformen haben. „Wir haben da eine Rolle als Vorbild, weil wir von vielen als Vorbild für etwas Neues angesehen werden“, sagte Andreas Gebhard.

Mindestens ebenso wichtig ist aber, dass Partner und Sponsoren diesen Prototypen unterstützten, darunter das Medienboard Berlin-Brandenburg, Google, die Deutsche Kreditbank, die Friedrich-Naumann- und die Hans- Böckler-Stiftung. Von der Investitionsbank IBB erhalten die Veranstalter zudem ein Darlehen.

Die Teilnahme an re:publicaTV ist für die Online-Besucher kostenlos. Die Tickets für die eigentliche re:publica bleiben gültig. Konkrete Planungen für eine Wiederaufnahme der re:publica in der alten Form gibt es noch nicht. Im Mai wollen die Veranstalter dazu erste Vorstellungen äußern. Zunächst wird mit Hochdruck an der rein digitalen re:publica gearbeitet. Eine Webseite mit allen Infos soll in der kommenden Woche gelauncht werden – Work in Progress zwei Wochen vor Veranstaltungsbeginn.

Turbo-Digitalisierung "as soon as possible"

Die Schwerpunkte der Veranstaltung haben sich durch Corona zwar etwas verschoben – nicht zuletzt Richtung Arbeit 4.0 und Turbo-Digitalisierung. Unter dem Leitmotiv „Asap – as soon als possible“ sollen die bisherigen Themen wie Netzpolitik, Medienverantwortung, Klimaschutz, Grundeinkommen, Gerechtigkeit oder Rechts-Ruck aber weiterhin präsent sein. Zu den Sprechern gehören unter anderem der Blogger Rezo, Bernhard Pörksen, die Politiker Heiko Maas und Ruprecht Polenz sowie die Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg und RBB-Intendantin Patricia Schlesinger.

Ob aus dem Prototyp re:publicaTV ein belastbares Zukunftsmodell wird, hängt sicherlich auch davon ab, ob das „Wir-Gefühl“ der alten re:publica mit den Möglichkeiten des direkten Ausstauschs und des zufälligen Kennenlernens in den digitalen Raum transferiert werden kann. Das wissen auch die Veranstalter, die dafür ebenfalls eine Idee entwickelt haben: das Tool „Der Hof“ soll den interaktiven Austausch auch unter den neuen Bedingungen erlauben.

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