Medien : Reine Nervensache

Urteil über Contergan-Film auf April verschoben

Thomas Gehringer

Von manch’ historischem Filmstoff, den das Fernsehen ausgegraben hat, lässt sich getrost sagen: Es wäre kein großer Verlust gewesen, hätte man das Publikum damit nicht behelligt. Andere Filme dagegen, wie Adolf Winkelmanns Contergan-Film „Eine einzige Tablette“, treffen manchen Nerv empfindlich, ohne überhaupt gesendet worden zu sein. Der Pharma-Hersteller Grünenthal und der ehemalige Opfer-Anwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen hatten vorm Landgericht Hamburg erfolgreich gegen die Ausstrahlung des WDR-Zweiteilers geklagt. Insgesamt 13 Szenen waren von den Richtern beanstandet worden. Die gestrige Berufungsverhandlung vorm Oberlandesgericht Hamburg endete mit einer Hängepartie. Am 10. April soll das Urteil verkündet werden, sofern sich die streitenden Parteien nicht innerhalb der nächsten Woche auf einen Vergleich einigen sollten.

Der WDR und die Kölner Produktionsfirma Zeitsprung zeigten sich nach der Verhandlung guten Mutes. Das Gericht habe zu erkennen gegeben, dass die Verbote im Wesentlichen aufgehoben werden könnten. Zeitsprung-Justiziar Marek Nitsch sagte, das Gericht sei „weitgehend unserer Linie gefolgt“. So sei nicht wie beim Landgericht eine Drehbuchfassung, sondern der fertige Film Grundlage des Verfahrens gewesen. WDR-Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf war erfreut darüber, dass der Film als Kunstwerk gewürdigt worden sei. „Ich bin voller Hoffnung, dass wir den Film in absehbarer Zeit endlich unserem Publikum zeigen können.“ Das Gericht hat nach Angaben von Nitsch durchblicken lassen, dass insbesondere der Vorwurf, der Film verletze die Persönlichkeitsrechte von Schulte-Hillen, nicht zutreffend sei. „Eine einzige Tablette“ erzählt die Geschichte eines Anwalts und Familienvaters, der sich um Aufklärung in der Contergan-Affäre bemüht. Dieser Protagonist, der Schulte-Hillen ähnelt, sei vom Gericht – wie WDR/Zeitsprung betont hätten – als Kunstfigur gewertet worden, so Nitsch. Das Landgericht hatte den Film-Anwalt als Abbild des realen Schulte-Hillen gesehen und geurteilt, Verfremdungen der fiktiven Figur seien nur als Ausnahme hinnehmbar. WDR/Zeitsprung betrachteten dies als Einschränkung der Kunstfreiheit, die die fiktive Aufarbeitung historischer Stoffe gefährde.

Im Gegensatz zu Schulte-Hillen wird die Firma Grünenthal im Film namentlich erwähnt. Deren Anwalt Dirk Dünnwald sagte, nach wie vor werde das Unternehmensbild Grünenthals in acht Szenen schwerwiegend entstellt. Die übrigen beanstandeten Szenen seien im Vorfeld der Verhandlung verändert worden. Dünnwald zeigte sich im Hinblick auf einen Vergleich „gesprächsbereit“. Allerdings hatte Grünenthal in der vergangenen Woche für zwei weitere Szenen eine Einstweilige Verfügung erwirkt. WDR und Zeitsprung könnten auch in diesem Verfahren Widerspruch einlegen.