Rückkehr von "Yo! MTV Raps" : Mal Hi, mal Hop, mal Hip-Hop

Mit „Yo! MTV Raps“ und Palina Rojinski kehrt eine Musiksendung aus Zeiten zurück, als es noch Musiksender gab.

Jan Freitag
Frau oben, Mann unten. MC Bogy soll als Co-Moderator helfen, wenn Palina Rojinski mal nicht weiterweiß.
Frau oben, Mann unten. MC Bogy soll als Co-Moderator helfen, wenn Palina Rojinski mal nicht weiterweiß.Foto: David Biene

Im Fernsehen, Ältere erinnern sich, existierte einst ein Genre, das Musik nicht nur zur Untermalung nutzte, sondern manchmal gar im Sendernamen trug. 1981, als abgesehen von „Disco“ nur Schlager lief, eroberte nämlich ein Kanal das Regelprogramm, der es nicht nur bereichern, sondern verändern sollte: MTV. Sechs Jahre nachdem in Amerika die ersten von anfangs 168 Clips liefern, wälzte der Revolutionär sein Medium auch in Deutschland um wie kein Sender zuvor. Es folgten Formel 1, VH1 und Viva, bis Opas Flimmerkiste voll Jugendkultur war.

Heute ist Pop fast nur noch am Touchscreen smarter Telefone zu hören. Falls er doch mal vom Flachbildschirm ins Wohnzimmer dringt, dann bei Arte oder spätnachts. Und MTV? Strich, fünf Jahre nachdem der Medienmulti Viacom 2006 auch Viva geschluckt hatte, „Music“ vorm „Television“, ertränkte das Angebot in Real-Life-Formaten, schlitterte kurz darauf übers Pay-TV Richtung Bedeutungslosigkeit und trieb damit eine Entertainerin in die Flucht, deren Karriere beim Musiksender ohne Musik gerade Fahrt aufzunehmen begann: Palina Rojinski.

Nachdem die Berlinerin aus Russland einst kleinere Nebenrollen bei „Lenßen & Partner“ gespielt hatte, gelten ihre größeren in der anarchistischen MTV-Show mit dem Zusatz „Home“ als Ursprung einer ungebremsten Medienkarriere. Hier war sie vor genau zehn Jahren der dekorative Sidekick von Joko & Klaas, als dieses Begriffspaar noch kein Label war. Hier ist sie 2011 abgesprungen, als MTV den Anfangsbuchstaben verriet. Hier erklimmt sie nun die nächste Stufe, um den Status dekorativer Sidekicks endgültig hinter sich zu lassen.

Wenn die Generation Golf feuchte Augen kriegt

Denn von heute an moderiert Palina Rojinski „Yo! MTV Raps“. Die Generation Z wird da zu Recht fragen, wofür das fette Kürzel noch mal genau steht, was ihnen die Generation Y gewiss mit Klingeltönen erklärt, während die Generation Golf wohl feuchte Augen kriegt, wenn sie von Videoclips und Unplugged-Konzerten schwärmt. Von Ray Cokes und „Unter Ulmen“. Von „Beavis and Butt-Head“, der masochistischen Stuntshow „Jackass“ und einem Sprechgesang, dessen Mündung in den Mainstream ohne diesen Sender mit dieser Sendung undenkbar scheint.

Ab 1988 hat das 60-minütige HipHop-Magazin „Yo! MTV Raps“ neben Fernseh- auch Stilgeschichte geschrieben und nebenbei Stars, Mode, Schlagzeilen, also Milliardenumsätze ermöglicht. Ja, so einflussreich konnte das Fernsehen mal sein. Doch als die kleine Palina vier Jahre nach ihrem Umzug aus Leningrad – wie St. Petersburg Anfang 1991 noch kurz hieß – in Berlin zur Grundschule ging und allenfalls Eurodance hörte, verschwand „Yo! MTV Raps“ gerade im Meer billiger RealLife-Formate. Was die große Rojinski ein Vierteljahrhundert später da mit der Legende zu tun hat? Nichts! Und alles. „Meine Jugend war Hip-Hop, meine Gegenwart ist Hip-Hop“, erklärt sie die Kernqualifikation fürs Musikfernsehen, „damit verbinde ich ein Lebensgefühl, das sich schon damals in der Sendung wiederfand und hoffentlich wiederfinden wird.“ Während die Welt größtenteils vergessen hat, dass MTV existiert, will die neue alte Mitarbeiterin dem Format zumindest ein Gefühl früherer Relevanz verleihen. Und das könnte nicht nur ihrer Lieblingsmusik zugutekommen, sondern mehr noch der Moderatorin selbst.

Bislang nämlich steht die rothaarige Schönheit mit der großen Klappe oft im Schatten großer Namen. Ob „Tatort Weimar“ oder „Zirkus Halligalli“, „neoParadise“ und „jerks“ – ihr Platz ist die zweite Reihe. Im Interview mischt sich an dieser Stelle zwar Rojinskis Managerin mit Verweis auf das Pro7-Format „Big Surprise“ ein, das ihre Klientin 2015 allein moderiert habe. Die aber räumt ein, „halt Teamplayer“ zu sein. Fortan allerdings spielt sie an der Seite des Rap-Fossils MC Bogy die Hauptrolle. Erste Teaser zeigen die Fan-Frontfrau dabei, wie sie hingebungsvoll durch Deutschlands Rap-Szene läuft, Liveauftritte ankocht, Videos präsentiert, Stars interviewt. Palinas Privatpool – stets ein wenig schrill.

Fernsehnische oder großes Kino, digital oder analog: Für Palina Rojinski ist jede Bühne groß. Der Podcast „Podkinski“ ebenso wie Reportagereisen durchs russische WM-Land oder eben „Yo! MTV Raps“ – eine Art „Instagram-Story, bloß fürs Fernsehen“, wie sie das aufgemotzte Denkmal der Discman-Ära nennt. Ob sich das Musikfernsehen an vier Samstagen um 22 Uhr reanimieren lässt – wer weiß? Aber mit Palina Rojinski versucht es immerhin eine, die glaubhaft dafür brennt. Obwohl sie wie der Hip-Hop längst erwachsen sei, meint sie noch lachend, „freut es mich total, dass ich mit Anfang dreißig wieder in meinem Jugendzimmer herumspringen kann“.

„Yo! MTV Raps“, Samstag, MTV, um 22 Uhr

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