"Schwartz & Schwartz" im ZDF : Devid Striesow versus Golo Euler

Ungleiche Ermittlerpaare gibt es im Fernsehen wie Sand am Meer. Ungleiche Brüder wie "Schwartz & Schwartz" nur im ZDF

Jan Freitag
Komplizierte Beziehung. Mads (Golo Euler, links) versucht mit seinem Bruder Andy (Devid Striesow) klarzukommen.
Komplizierte Beziehung. Mads (Golo Euler, links) versucht mit seinem Bruder Andy (Devid Striesow) klarzukommen.Foto: ZDF und Julia Terjung

Es ist bekanntlich nicht so, als mangelte es dem Fernsehen an Gegensätzen kriminalistischer Natur. Allein 15 der 22 amtierenden "Tatort"-Teams sind so derart verschiedenartig besetzt, dass es dauernd knirscht im Ermittlungsgebälk. Aber auch Personalchefs internationaler TV-Kommissariate stellen ihre Figuren streng nach Differenzierungsgrad ein. Harmonie herrscht allenfalls mal im "Großstadtrevier". Angesichts der nächsten zwei Antipoden auf Verbrecherjagd, die ab Samstag laut ZDF natürlich "unterschiedlicher kaum sein können", droht man als Zuschauer spontan wegzunicken. Da hilft in diesem Fall nur ein Weckruf.
Also aufwachen! Denn auch Mads (Golo Euler) und Andi (Devid Striesow) sind zwar so absurd diametrale Charaktere, dass die zwei Brüder "Schwartz & Schwartz" unmöglich aus demselben Elternhaus stammen dürften. Ersterer ist schließlich ein durch und durch empathischer, kompetenter, pflichtbewusster Ehemann, Vater und Polizist im Berliner Kriminaldauerdienst, den nahezu nichts aus der Ruhe bringen kann - außer Andi, dessen karrieristischer Egoismus vielfach Züge von Soziopathie annimmt, unter denen sein kleiner Bruder von Geburt an zu leiden hat. Just, als das rehäugige Nesthäkchen vom alltäglichen KDD zur exaltierten Mordkommission gerufen wird, um den dubiosen Tod der Frau eines gesellschaftlich geachteten Kinderarztes aufzuklären, taucht dummerweise der chronisch abwesende Andi auf, pfuscht in Mads' Arbeit herum und löst so allerorten Chaos aus.

Ideenreiche Familienaufstellung

Wie erwähnt: das hat es auch und gerade unter Blutsverwandten auf Bildschirm und Leinwand schon tausendmal gegeben. Doch was Alexander Adolph, der zuvor von "Polizeiruf" bis "Unter Verdacht" einige der reizvollsten Kriminalfiktionen unserer Zeit geschrieben hat, aus dieser kontrastreichen Familienaufstellung macht, ist besonders in dem Genre auf dem Sendeplatz selten. Das wiederum liegt nicht zuletzt an Rainer Kaufmann. Der erfahrene Regisseur ("Operation Zucker") inszeniert aus Adolphs fabelhaftem Drehbuch nämlich nicht nur ein Geschwisterepos von unterhaltsamer Tiefe; er hat sich dafür auch einen Cast von gehöriger Kreativität zusammengestellt.
Ulrich Noethen als windig-viriler Humanist mit Geld und Geheimnis ist da wie Brigitte Hobmeier als eifersüchtige Polizeikollegin Iris ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Auch Eva Gröschel und Lisa Martinek spielen ihre Hauptfiguren-Sidekicks mit gewohnter Leichtigkeit. So Richtig spannend aber wird die Besetzung, weil der bodenständige Mads vom Frauentyp zahlloser Vorabendserien Golo Euler verkörpert wird, während der Charakterdarsteller Devid Striesow den Part seines flatterhaften Antipols Andi einnimmt. Zur angenehm dezenten Musik von Christoph Kaiser und Julian Maas füllen die beiden ihr ungleiches Brüderpaar mit einer Hingabe von ausgesuchter Präzision.

Mads sagt "Danke", Andi nicht immer die Wahrheit

Der akkurat gescheitelte Mads etwa ist ein Mann, der "Danke" sagt und wortlos geht, wenn er unverschuldet aus seiner Stellung fliegt. Andi hingegen missbraucht sogar den Sohn seines Bruders als Intrigenköder und sagt eigentlich nicht mal sich selbst immer die Wahrheit. Gemeinsam schaffen sie es, die leicht abgenutzte Überspanntheit von Striesows Protagonisten in ein krimiflankiertes Melodram mit drolliger Note zu überführen. "Ich geh zum Baumarkt und hol Dübel", sagt Mads an einer Stelle, als seine Souveränität in Andis Durcheinander zu bröseln beginnt, "ich muss jetzt was Vernünftiges machen".
Das galt offenbar auch fürs zweite Programm, als es der Krimizeit am Samstagabend den ersten Teil von "Schwartz & Schwartz" bescherte. Hoffentlich erleiden die nächsten nicht das Schicksal von "Helen Dorn" oder "München Mord" ereilt. Einst ähnlich ansehnlich gestartet, dienen sie den Neuen in der Krimifamilie ZDF nun allenfalls noch als Gegensätze von gestern.

"Schwartz & Schwartz", ZDF, Samstag, 20 Uhr 15

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