Schwarzwald-"Tatort" : Die Hütte brennt

Der neue Schwarzwald-„Tatort“ mit Eva Löbau und Carlo Ljubek zeigt Polizeiarbeit von der realistischen Seite: als strukturelle Überforderung.

Erstaunlich müde: Kommissare Tobler (Eva Löbau) und Weber (Carlo Ljubek).
Erstaunlich müde: Kommissare Tobler (Eva Löbau) und Weber (Carlo Ljubek).Foto: SWR

Dass Polizeiarbeit nicht nur eine Vorlage für spannende Spurenlese und atemberaubende Action hergibt, sondern in erster Linie Arbeit – und zwar eine recht ermüdende – ist, das zeigt dieser „Tatort“ mit den Freiburger Ermittlern Franziska Tobler (Eva Löbau) und Luka Weber (Carlo Ljubek). Schon das Warten auf einen Durchsuchungsbeschluss, während der Verwesungsgestank durch die Türe dringt, macht die Beamten fertig, zu schweigen von endlosen Observationen und quälenden Verhören. Tobler und Weber hat es, was die Fälle und deren Komplikationen betrifft, knüppelhart getroffen: Ein Doppelmord muss aufgeklärt werden; er gleicht einem anderen, ungelösten Fall, der Jahrzehnte zurückliegt und nun erneut auf ihrem Tisch liegt.

Eine Hütte im Wald brennt lichterloh, was nicht so viel ausmachen würde, aber es liegt eben eine verkohlte Leiche drin. Ganz in der Nähe war ein Auto abgestellt und gestohlen worden – das kann kein Zufall sein. „Jetzt machen wir schon Autodiebe“, murren die Cops, die sich auf Brand, Tod und Diebstahl keinen Reim machen können. Zu allem Überfluss taucht im Revier eine polizeiliche Beraterin auf, die irgendetwas prüfen soll und ständig die Nase rümpft, und Weber hat Mühe, sich im unvertrauten Büro zurechtzufinden. Mitleid mit den Polizisten, die nach unendlichen Überstunden beide eingenickt nebeneinandersitzen, ihr Kopf auf seiner Schulter, überkommt das Publikum. Trotzdem ist der Film spannend.

Drehbuchautor Lars Hubrich und Regisseur Stefan Schaller haben klugerweise ihre Idee, die Polizeiarbeit mal als strukturelle Überforderung zu präsentieren, mit der Geschichte eines Jünglings verzahnt, der Damian heißt, sich als Student der Rechte ebenfalls überfordert fühlt und ganz offensichtlich an den überhöhten Ansprüchen, die von allen Seiten auf ihn einprasseln, psychisch schwer erkrankt ist. Thomas Prenn spielt diesen armen Teufel mit großer Intensität. Er zieht die Sympathien des Publikums auf sich, während das Mitleid, das den Polizisten gilt, sich in den erforderlichen Respekt verwandelt. Sie machen eine harte Arbeit, die Tobler und der Weber, aber sie machen auch einen guten Job.

Leitmotive unser Zeit

Zu Damians Geschichte gehört sein Elternhaus. Der Papa kann dem Sohn nicht verzeihen, dass der die Gaststätte, das väterliche Lebenswerk, nicht weiterführen will. Der Sohn verzeiht dem Papa nicht, dass der sich anzuerkennen weigert: Damian will andere Wege gehen. Mamas Kuchen rettet den Familienfrieden auch nicht. So weit wäre das ein Standardschicksal, in dem viele junge Leute, die aufsteigen wollen, sich wiedererkennen können. Aber bei Damian ist noch mehr los. Er macht bei einer Burschenschaft mit, in der strenge Disziplin herrscht, ist also vom Regen in die Traufe geraten. Damian verzweifelt völlig, und Stimmen flüstern: Du bist ein Nichts, ein Versager. Währenddessen haben Tobler und Weber die Fingerabdrücke im gestohlenen Auto abgeglichen und einen neuen Verdächtigen gefunden. Der Mann ist Gelegenheitsarbeiter, er tötete seine Hunde, weil er niemanden fand, sie zu versorgen, während er auf Montage war. In seiner Unterkunft finden die Ermittler Damendessous und Fotos, auf denen der Typ in Spitzenwäsche posiert. Johann von Bülow spielt den Freak ohne Draufdrücker, ganz Mensch unter Menschen.

Die „Damian“-Folge erfüllt die Aufgabe der besseren „Tatorte“, die darin besteht, Leitmotive unserer Zeit herauszuarbeiten. Er zeigt, dass die Polizei (wie ja auch andere staatliche Institutionen) kaputtgespart und dass die junge Generation durch Leistungsdruck und Konkurrenzverhalten verrückt gemacht wird. Andeutungsweise spielt dieser TV-Krimi sogar mit dem Phänomen eines dritten Geschlechts. Barbara Sichtermann

„Tatort – Damian“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15