Schwere Lasten für Kommissarin König : Darum geht es im neuen Rostocker „Polizeiruf 110“

Ein Krimi voller Gefühlsstürme und psychischem Schiffbruch. Und eine alte Geschichte, die die Kommissare weiter verfolgt.

Nikolaus von Festenberg
Die Besten im Norden. Ermittlerin König (Anneke Kim Sarnau) ist am Ende, Kollege Bukow (Charly Hübner) bestürzt.
Die Besten im Norden. Ermittlerin König (Anneke Kim Sarnau) ist am Ende, Kollege Bukow (Charly Hübner) bestürzt.Foto: NDR/Christine Schroeder

Damit es klar bleibt: Rostock liegt an der Warnow, nicht am Zusammenfluss von Träne, Trauma und Tristesse, wie man denken soll, wenn der derzeit aufregendste deutsche TV-Krimi losstürmt. Seit zehn Jahren bieten Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Kommissar Alexander Bukow (Charly Hübner) mitreißende kriminelle Passionsspiele.

Eine Art Krimi-Oberammergau des Nordens („Polizeiruf 110 – „Der Tag wird kommen“ , Sonntag, ARD, 20 Uhr 15). Ohne Bärte, Versöhnungshalleluja und Weihrauch, dafür voller Gefühlsstürme, psychischem Schiffbruch. Autor Florian Oeller und Regisseur Eoin Moore stehen für eine Krimihandschrift, die ihren Protagonisten Einfühlung und Authentizität vorschreibt.

Aller Fahndungserfolg kommt aus dem Blick auf die eigene Befindlichkeit. Anstrengend, aber grandios, wenn man solche Protagonisten wie Sarnau und Hübner hat. Besonders an diesem Sonntag.

Der Kommissarin-König-Darstellerin haben Autor und Regisseur diesmal besonders schwere Lasten aufgebürdet: eine innere Reifung unter Schmerzen. Nichts ist mehr so wie noch zu den Anfängen, als sich die herbe Polizeiamazone in schnippisch misstrauische Distanz gegenüber Bukow zurückziehen konnte, war die gelernte Profilerin doch als Aufpasserin auf den aus kriminellem Milieu in den Polizeidienst zugelaufenen Straßenköter bestellt worden. Ein Erzieherinnenjob.

Für solche Fisimatenten hat das Unterhaltungsfernsehen immer weniger Nerv. Es zeigt Polizeiarbeit als harte Knochenmühle, was vielleicht ungewollt zu einer Vermännlichung des Genres führt. Themen wie Selbstreflexion und kollegiale Selbstreinigung werden an den Rand gedrängt.

Ist die Polizei eine fiktionale Seelenerforschung nicht wert?

Den deutschen TV-Durchschnittskommissar konstruieren die Macher als Mann, der lieber dickes Fell als Büßerkutte trägt und die Tränen im Pistolenhalfter verschließt. Gilt die sensible Beschäftigung mit den Aporien des Ordnungshüterdienstes als Quotengift? Ist die Polizei eine fiktionale Seelenerforschung nicht wert? Wohl kaum nach den Vorfällen von Minneapolis.

Dem „Polizeiruf“ mit Hübner und Sarnau ist Oberflächlichkeit in diesem Punkt nicht vorzuwerfen. König ist dabei, allen professionellen Halt zu verlieren. Die Ursache für ihre Krise: Mit Bukow, dem Sohn eines kriminellen Vaters (Klaus Manchen) und Verächter bürokratischer Korrektheit, teilt die penible Ermittlerin ein dienstliches Vergehen.

Beide Kommissare haben den Mörder und Vergewaltiger Guido Wachs (Peter Trabner, überzeugend als narzisstischer fies-treuherziger Despot) nur durch eine Falschaussage hinter Gitter bringen können.

Ein Verstoß gegen das Recht, aber nicht gegen die Gerechtigkeit, denn Wachs hat König und Bukow andere Morde intern, aber nicht gerichtsfest gestanden. Und würde sich öffentlich bekennen, wenn die Ermittler ihre falsche Anschuldigung zurücknähmen und ihm den Wunsch auf Begegnung mit seiner Frau ermöglichten. Kriminaltango paradox, Engtanz der Erpressung.

Kriminalfall um eine junge Frau

Der Film ist bei seinem Thema. Wie kann ein Ordnungshüter seelisch überleben, wenn er gegen die Buchstaben des Gesetzes verstößt, um der Moral zum Sieg zu verhelfen? Wie vermeidet er Erpressung? Für Bukow ist das kein wirkliches Thema (dickes Fell), für König schon. Wachs, dieser schmierige Hannibal Lecter, bedrängt aus dem Knast heraus die Kommissarin mit Spionage, akustischem Terror des Nachts und Gift. Vor allem aber an der weichsten Stelle in ihrer Selbstpanzerung: der aus Einsamkeit geborenen Machtlosigkeit gegenüber ihrer eigenen überehrgeizigen Selbstüberforderung.

Erst als König einen verwickelten Kriminalfall mit einer jungen Frau (Xenia Rahn) löst, einem Opfer männlicher Gewalt und Herzlosigkeit durch das Ausnutzen weiblicher Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, öffnet sich ihr Blick für die Wirklichkeit ihrer Umgebung. Katharsis abgehakt.

Und nu? Nu, da ist einer. Einer, auf den sie jetzt wirklich aufpassen sollte. Mit dem sie sich gestritten hat. Einer, der gerade seinen Vater verloren hat und der aus den Flegeljahren kommt. Wie rührend schüchtern sein verliebter Hundeblick. Geradezu herzig für das raue Rostock: Amazone mit frischem Reifezeugnis findet stubenrein werdenden Straßenköter. Goldenes Blaulicht. Die Warnow fließt in die schöne Ostsee.

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