"Sharp Objects" auf Sky : Zurück in die Gegenwart

Reporterin Camille Preaker wird mit traumatischen Erinnerungen konfrontiert. Sky-Serie „Sharp Objects“ ist eine gelungene Adaption des Bestsellers „Gone Girl“.

Jan Freitag
Alles auf Anfang? Camille (Amy Adams, rechts) kehrt in das Haus ihrer Jugend zurück. Ihre Mutter Adora (Patricia Clarkson, links) wartet schon.
Alles auf Anfang? Camille (Amy Adams, rechts) kehrt in das Haus ihrer Jugend zurück. Ihre Mutter Adora (Patricia Clarkson, links)...Foto: Fox

Herrje, ist das Leben in der Provinz manchmal undurchsichtig, wenn es vom Serienfernsehen dargestellt wird. Vor blitzeblanken Fensterscheiben der HBO-Perle „Sharp Objects“ zum Beispiel hängen blütenweiße Gardinen über wohlgeordneten Vorgartenrabatten. Wer hindurchsieht, stößt allerdings rasch auf Nebelschleier. Ob Zigarettenqualm oder Luftfeuchtigkeit, Alkoholdunst und Denkblockaden, im fiktionalen TV-Kaff namens Wind Gap prallt jeder Blick an der Firnis bigotter Bürgerlichkeit ab wie Sommerluft am Schweißfilm der Bewohner.

Kein Wunder also, dass für Camille Preaker aus dem lärmumtosten St. Louis hier die Hölle der Ödnis zu lodern scheint. Kein Wunder, dass es die Zeitungsreporterin vehement ablehnt, von dort über Mädchenmorde zu berichten.

Dummerweise weiß ihr Chefredakteur ganz genau, warum er gerade sie ins Hinterland schickt. „Wenn's dich was angeht, geht's auch andere was an“, sagt er ebenso grob wie zutreffend. Und Camille Preaker geht so einiges etwas an, was im ländlichen Missouri abgeht. Schließlich wurde sie dort gute drei Jahrzehnte zuvor geboren – was wiederum einiges über eine Frau sagt, die Amy Adams („American Hustle“, „Arrival“) mit sensationell burschikoser Verletzlichkeit spielt. Denn Camille Preaker trägt Wind Gap in jeder Zelle ihres trist gekleideten Körpers.

Die augenscheinlich toughe, tiefgründig labile Journalistin fährt also im schrottreifen Volvo heim, hört dabei nostalgischen Kiffer-Rock von Led Zeppelin und mit jeder Miniflasche Schnaps aus der Hotelbar, jeder Rückblende in die eigene Jugend, jeder Sekunde Selbstausbeutung im Dienste der Wahrheit über sich und die neue, alte Kleinstadtwelt wird klarer: Wind Gap hat aus Camille Preaker gemacht, was sie heute ist.

So wird die achtteilige Adaption von Gilbert Flynns Bestseller „Gone Girl“ zu einer fabelhaften Abrechnung mit den USA, die es in dieser fesselnden Beiläufigkeit zuletzt nur einmal am Bildschirm gegeben hat – mit der Speckgürtel-Studie „Big Little Lies“. Wenig überraschend, dass „Sharp Objects“ vom selben Regisseur stammt, Jean-Marc Vallée vermag es nämlich perfekt, Orte durch ihre Menschen zu erzählen. Und Wind Gap, das ist die uramerikanische Mixtur aus unreflektiertem Traditionalismus und dem unverwüstlichen Glauben der Bewohner, ihrer Zeit damit voraus zu sein, nicht weit hinterher.

Dank passgenauer Hauptdarsteller wie Patricia Clarkson als Camilles zwanghafter Mutter Adora und ebenso schlüssiger Nebenfiguren wie dem ewig verschwitzten Polizeichef Vickery (Matt Craven), erzählt Vallée also weniger die Geschichte einer trostlosen Existenz auf der Suche nach den Abgründen ihrer Biografie; er zeigt uns ein krankes, gekränktes Amerika der Abgehängten, Hasserfüllten, die einen Fake-News-Präsidenten ins Weiße Haus gewählt haben und nun dauernd verwechseln, was Vergangenheit ist, was Gegenwart.

Dass die lebenswunde Alkoholikerin Camille zugleich ständig als Teenager (Sophia Lillis) durch eine Jugend der Achtziger wandelt, ist hier nicht nur dramaturgischer Trick zur Erklärung gestriger Einflüsse aufs Heute. Die ständigen Flashbacks skizzieren en passant eine Gesellschaft auf der Suche nach ihrer verschwindenden Mitte.

Wenn Camille betrunken im Badewasser abtaucht und 20 Jahre jünger im See wieder auf, erweisen sich die Zeitsprünge als Zeitströme, in denen ihre verkorkste Existenz wie Treibholz herumirrt. Und darin gleicht sie fast jeder Figur an einem Ort, der sich als jenes Amerika im Kleinen erweist, das vom Inneren Richtung Küsten wuchert: intolerant, spießig, dummheitsstolz.

Dafür muss Jean-Marc Vallée keine Hillbillys mit Waffenschrank und Pickups zeigen, ihm reicht es, Reagans Neokonservatismus so in Trumps Neodilettantismus einsickern zu lassen, als hätte die liberale Ära dazwischen nie stattgefunden. Klingt dröge, verkopft, nach Autorenfilmer und Art House? Keine Sorge, das vielschichtige Familienmelodram mit angeschlossener Mörderjagd ist hervorragendes Serienentertainment. Im undurchsichtigen Nebel einer diffusen Zeit.

„Sharp Objects“, Sky Atlantic HD, Donnerstag, um 20 Uhr 15, deutsche Version

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