Die zwei Seiten einer Medaille: Wie der Shitstorm zur öffentlichen Meinungsfindung beiträgt - und wann die Diskussion aus den Fugen gerät.

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Shitstorm : Wie das Netzgetöse zum Medienereignis wird

Das fragwürdige Niveau vieler digitaler Kommentare, so mutmaßte Norbert Lammert vor einigen Tagen, habe maßgeblich mit der Anonymität zu tun. Für den Shitstorm, der in Vandalismus umschlägt (Profile hacken, Webseiten lahmlegen und so weiter), mag das stimmen. Auf soziale Echoräume wie Facebook oder Twitter trifft das kaum noch zu. Hier wird auch unter echtem Namen Dampf abgelassen. Unter den Beteiligten herrscht dabei durchaus rhetorischer Ehrgeiz, schließlich gilt es auch, sich innerhalb der Aufmerksamkeitsblase gegenseitig mit Wortschöpfungen und Spitzfindigkeiten zu übertrumpfen.

Was passiert, wenn man sich mit den Piraten anlegt, konnte ein CDU-Kreisverband kürzlich erfahren.

Anhänger der Piraten kapern CDU-Website
Texte wie dieser waren vorübergehend auf der Internetseite des CDU-Stadverbands Ratingen zu lesen.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Screenshot: Karin Christmann
28.03.2012 11:49Texte wie dieser waren vorübergehend auf der Internetseite des CDU-Stadverbands Ratingen zu lesen.

„Empörung dient nie einer konstruktiven Auseinandersetzung“, sagte Medienwissenschaftlerin Christiane Eilders von der Universität Düsseldorf, „sondern kann nur der Anfang eines solchen Prozesses sein.“ Tatsächlich mündete der Zensursula-Shitstorm 2009 in eine erfolgreiche außerparlamentarische Oppositionsbewegung gegen das sogenannte Zugangserschwerungsgesetz. Und vor einigen Wochen führte die Aufregung um Acta zu einer breiten Debatte über das Zustandekommen und die möglichen Folgen des internationalen Anti-Piraterie-Abkommens. Im besten Falle setzt also nach einem Shitstorm ein akribisches Analysieren und Diskutieren ein. Doch nicht immer ist das der Fall. Manchmal führen die gegenseitigen Unterstellungen lediglich zur Verhärtung der Fronten. Alle fühlen sich in ihren jeweiligen Vorurteilen bestätigt. Er habe das Gefühl, schreibt ein resignierter Leser auf www.spreeblick.com anlässlich des Shitstorms, den Urheberrechtsverfechter Sven Regener gerade über sich ergehen lassen muss, „dass eine konstruktive, faire und interessante Diskussion über Urheberrechte und Inhaltsvergütung im Netz heute nicht mehr möglich ist.“

Was folgt daraus für alle, die in der Öffentlichkeit stehen? Möglichst wenig Angriffsfläche bieten, umstrittene Themenfelder meiden, sich spontane Äußerungen gänzlich verkneifen? Schwammigkeit ist wahrscheinlich eine effektive Vorsichtsmaßnahme, hilft aber wiederum nicht bei der Profilierung. Erstmals hat vor einigen Wochen ein Politiker den Shitstorm deshalb sogar billigend in Kauf genommen. Bewusst hatte sich CDU-Hinterbänkler Ansgar Heveling gegen den vermeintlichen Meinungsmainstream im Netz gestellt. Vielleicht auch in der Hoffnung, hinterher umso mehr analoges Schulterklopfen zu ernten, mit vorhersehbarem Ergebnis.

Das Problem mit den Shitstorms sei, so hat es der Autor und Interneterklärer Sascha Lobo mal ausgedrückt, dass sie den Betroffenen einen Grund gäben, die im Kern möglicherweise berechtigte Kritik nicht annehmen zu müssen. Wer maßlos beschimpft wird, braucht gar nicht mehr auf Argumente und Zwischentöne zu achten, sondern darf sich seinerseits in ablehnendes Schweigen hüllen. „Mit Gleichmut“, meint Lobo, überlebe man einen Shitstorm übrigens am besten. Für den einzelnen Betroffenen ist das vermutlich ein guter Rat. Für die demokratische Streitkultur allerdings ist es tödlich, wenn eine Seite nur noch schrill brüllt – und die andere sich pfeifend die Ohren zuhält.

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