Sky-Serie „Work in Progress“ : Dick, divers und gut gelaunt

Glücklich oder tot: In der Sky-Serie „Work in Progress“ stellt sich die lesbische Komikerin Abbey McEnany ein ungewöhnliches Ultimatum.

Jan Freitag
Hauptdarstellerin Abby McEnanay heißt keineswegs zufällig wie ihre Hauptfigur.
Hauptdarstellerin Abby McEnanay heißt keineswegs zufällig wie die Hauptfigur in "Work in Progress". In Chicagos Comedy-Szene ist...Foto: Adrian S. Burrows/Showtime

Abby ist derbe, Abby ist laut, Abby ist dick. Sie ist zudem depressiv, einsam und neurotisch. Obwohl Abby zugleich klug, amüsant, witzig, belesen und reflektiert, also ein durchaus interessanter Mensch ist, passt sie nicht so recht in die moderne Gesellschaft selbstoptimierter Superindividuen von heute und fasst daher einen bizarren Plan: Falls sich ihr Leben nicht grundlegend zum Besseren wendet, will Abbey dem Elend termingerecht ein Ende bereiten. „Ich bin es einfach leid, zu scheitern“, gesteht sie ihrer Therapeutin zu Beginn der fabelhaften Showtime-Serie „Work in Progress“ [Sky Atlantic HD, ab Dienstag]. Ergo: „In sechs Monaten bring‘ ich mich um!“

Als die Therapeutin nach dieser Offenbarung auch noch tot im Therapeutinnen-Sessel sitzt, steht Abbeys Entschluss umso fester. Noch 180 Tage bis zum Suizid, symbolisiert durch 180 Mandeln auf dem Couchtisch oder in Bildschirmmaßen ausgedrückt: acht Folgen zuweilen urkomisches, trotz all der Heiterkeit aber wahrhaftiges Nischenentertainment. Und das liegt zuallererst an der Hauptdarstellerin, die keineswegs zufällig wie ihre Hauptfigur Abby McEnany heißt und in Chicagos Comedy-Szene als Improvisationstalent bestens bekannt ist. Nun also folgt der Sprung über die Stadtgrenzen.

Denn „Work in Progress“ ist zwar nur bedingt autobiografisch; als lesbische Komikerin mit dicker Brille und Übergewicht weiß Abby McEnany allerdings ebenso wie ihr Alter Ego genau, wie man die Abgründe der Wirklichkeit in mundgerechten Humor verpackt. Und dieser Humor ist von einer so trotzigen Leichtigkeit, dass er nicht nur wegen der tragischen Umstände noch lange nach den acht knapp halbstündigen Episoden im Zuschauergemüt herumrollt und für Wohlbehagen sorgt. Und schuld daran ist – was sonst? – die Liebe.

Ein diffus schöner Trans-Mann

Als die fiktionale Abby das Büro der toten Psychiaterin verlassen hat, lernt sie nämlich den Menschen kennen, derdiedas ihr fortan Folge für Folge, Mandel für Mandel mehr auf die Beine hilft. Es ist der diffus schöne Trans-Mann Chris (Theo Germaine), den Alison (Karin Anglin) mit ihrer Schwester verkuppelt und eine Aufwärtsspirale wachsenden Selbstbewusstseins in Gang setzt, die zumindest bis zum ersten Sex in Folge 3 nicht abbremst. Der Grund dafür besteht allerdings nicht nur darin, dass sich die Mittvierzigerin erstmals seit der Highschool begehrt fühlen darf; ihr Coming-Out als Lesbe mit Stolz und Stärke wird vor allem als Ergebnis einer beneidenswerten Peergroup skizziert, in der sich die desperate Butch wie einer Familie aufgehoben weiß.

In ihrer solidarischen Empathie erinnert Abbeys Freundeskreis, zu dem sich auch die realexistierende Late-Night-Komikerin Julia Sweeney gesellt, dabei an andere LGBTQ-Serien wie „Queer as Folk“ oder mehr noch die australische Coming-of-Age-Perle „Please Like Me“. Bezugsgruppen sexuell diverser Protagonisten sind darin zwar gern flamboyant in Partylaune; vor allem aber geben sie sich im Umfeld sozial akzeptierter Randgruppendiskriminierung eine Art gegenseitigen Halt, der Leben retten kann. In Abbeys Fall sogar buchstäblich.

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Dass die kollektive Selbstermächtigung ebenso glaubhaft wie unterhaltsam und fröhlich gerät, liegt dabei zu gleichen Teilen an der Hauptfigur, die auch fürs Drehbuch mitverantwortlich war, und Produzentin Lilly Wachowski, die während ihrer „Matrix“-Trilogie vom Mann zur Frau wurde, also gut weiß, wovon sie bei „Work in Progress“ redet. In dieser Konstellation wirkt sogar das Grimassieren von Abbey McEnany erträglich. Es kommt hier definitiv von Herzen. Und geht zu eben dem.