"Solo für Weiss" im ZDF : Weiter im emotionalen Panzer

Zum vierten Mal „Solo für Weiss“: Das Drama im Krimi mit Anna Maria Mühe ist besser geraten als der Krimi selber

Das hat Folgen. Nora Weiss (Anna Maria Mühe) verfolgt einen Sexualstraftäter. Als der vom Gerüst zu fallen droht, verweigert sie ihm die rettende Hand.
Das hat Folgen. Nora Weiss (Anna Maria Mühe) verfolgt einen Sexualstraftäter. Als der vom Gerüst zu fallen droht, verweigert sie...Foto: ZDF und Marion von der Mehden

Die bisherigen drei Fälle der LKA-Kommissarin Nora Weiss (Anna Maria Mühe) boten Krimi im Überfluss. Das klingt nach Überdosis, meint das aber nicht. Gemeint ist: Was Autor Mathias Klaschka der unter- bis ausgekühlt agierenden Polizistin zur Fahndung aufgegeben hatte, das war über die Maßen konzentriert, von stringenter Strenge, Polizeiarbeit eben, vorangetrieben von einer Polizistin, die in ihrer spröden Zentriertheit sofort interessieren konnte. Emotionslos bis zum Anschlag, zugleich empathisch an überraschenden Momenten. Als Persönlichkeit unausgeglichen bis zur Schroffheit, wenn Nähe gefragt war, ein Mensch auf schwimmendem Grund – und doch eine fokussierte Polizistin mit einem Gerechtigkeitsfanatismus. „Solo für Weiss“ eben.

„Für immer schweigen“, der vierte Fall, natürlich wieder geschrieben von Mathias Klaschka, ist nicht der geschätzte Überfluss, sondern die Überdosis, das Überarrangement. Der Anfang ist stark. Ein Mann flieht vor Nora Weiss in einen Rohbau. Die Kommissarin will den Mehrfachgewaltiger Karl Strasser (Ole Puppe) stellen. Der klettert aufs Gerüst, kann sich nicht mehr halten, Weiss verweigert ihm die helfende Hand. Sie muss um ihre Karriere fürchten, der wegen zu dünner Indizienlage freigelassene Strasser wird ihre Nemesis, ihre Bedrohung.

Auto des Chirurgen fliegt in die Luft

Dabei hat Weiss dafür gar keine Zeit. Der aus Syrien stammende Chirurg Al-Salim kommt zu Tode, als sein Auto auf dem Krankenhausparkplatz in die Luft gesprengt wird. Vor Kurzem hatte er einen Jungen an den Mandeln operiert, ein Routineeingriff, an dem der Junge gestorben war. Die Mutter (Johanna Gastdorf) kommt darüber nicht hinweg, der ältere Bruder Hannes (David Korbmann) hat Drohbriefe an den Chirurgen geschrieben. Und die Klinik mit ihrer Geschäftsführerin (Nina Petri) und dem Chefarzt Petri (Hanns Zischler)? Sie stehen für das, was dem Jungen widerfahren ist: eine „blutige Entlassung“, weil Betten für neue Patienten möglichst schnell wieder frei werden sollen. Das Gesundheitssystem ist mindestens so ein Dauermotiv wie Stalker Strasser.

Und wer hat nicht Kinder im Alter des zehnjährigen Jungen? Amina Al-Salim (Ilknur Boyraz), die Frau von Chirurg Al-Salim, die Freundin Anna (Natalia Rudziewicz) von Nora Weiss' Bruder, Pastor Rainer Weiss (Rainer Bock), der zu Noras Unfreude ins Pfarrhaus gezogen ist; der Kollege von Weiss, Kripokommissar Simon Brandt (Jan Krauter) betrachtet traurig die Handy-Fotos von seinem Sohn, der bei der gegangenen Mutter lebt. Das Drama im Krimi berichtet ausführlich von Verlusten, von Verlustängsten.

Aber das bleibt angehängt, aufgesetzt, überinstrumentiert wie die weitere Corona von Verdächtigen, der polizeiinterne Stress und der Stress mit jenem Art Verhältnis, das Weiss mit ihrem Vorgesetzten Jan Geissler (Puh! Ein Thema, ein Drama, ein Krimi, eines hilft dem anderen über und steht einander im Weg. Von misslungenen 90 Minuten muss nicht die Rede sein, es ist halt die Klasse der bisherigen Weiss-Fälle, die die Enttäuschung über den aktuellen provoziert.

Drama besser als Krimi

Regisseurin Maria von Heland muss viele Szenen mit Autofahrten und Handy-Telefonaten inszenieren. Dass es davon zu viele gibt, ist nicht ihre Schuld, intelligenter und innovativer lässt sich das kaum zeigen. Die auf die Atmosphäre zielenden Zwischentakte geraten konventionell – was des Nachts wohl am Himmel steht? Richtig, es ist der bleiche Mond! Das Zwischenmenschliche sticht stärker hervor. Es wird da gerne und zu oft Spitz auf Knopf geredet, doch sind diese Szenen intensiv bis bedrängend. Es sieht sich so an, als könnte Maria von Heland Drama besser als Krimi.

Der Film ist gut besetzt, entsprechend das Schauspiel. Keiner kann eine medizinische Spitzenkraft im Fernsehen überzeugender geben als Hanns Zischler, Jan Krauter schickt seinen Kommissar Simon Brandt in den Zwiespalt zwischen Weiss-Knecht und Vater-fern-vom-Kind-Verzweiflung. Die Personen haben Schwere, zu bedrängender Tiefe kommen sie in dem Schnipsel-Krimi nicht.

Und Anna Maria Mühe? Steckt ihre Nora Weiss weiterhin in den emotionalen Panzer. Eine Klasse Polizistin, ein halber Mensch. Das ist, ohne Frage, anziehend. Beide aber, Anna Maria Mühe wie Nora Weiss, müssen aufpassen, dass es nicht zur Masche wird.

„Solo für Weiss: Für immer schweigen“, ZDF, Montag, 20 Uhr 15

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