"Tatort" aus Bremen : Zu Tode gepflegt

„Wir haben uns das Leben einfach nicht mehr leisten können“: Der Bremer „Tatort“ greift wieder ein brisantes Sozialthema auf.

Manfred Riepe
Ins Krankenhaus? Oliver Lessmann (Jan Krauter) macht Gutachter Kühne (Peter Heinrich Brix) für die Einlieferung seiner Frau verantwortlich (im Hintergrund Sabine Postel).
Ins Krankenhaus? Oliver Lessmann (Jan Krauter) macht Gutachter Kühne (Peter Heinrich Brix) für die Einlieferung seiner Frau...Foto: Radio Bremen/Christine Schröder

Der alte Mann hat einen ernsten, todtraurigen Blick. Mit einem Ruck erhebt sich der rüstige 85-Jährige aus seinem Sessel, verscheucht den Hund und geht ins Nachbarzimmer, wo er seine schlafende Frau mit einem Kissen erstickt. Man ist ja eigentlich drauf gefasst, dass ein „Tatort“-Krimi mit einem Mord beginnt. Doch dieser Einstieg ist wirklich starker Tobak. Erschütternder noch ist das Mordmotiv des verzweifelten Seniors, der anschließend einen Suizidversuch verübt. Als Hauptkommissarin Inga Lürsen ihn ungläubig fragt, warum er seine Frau ermordet habe, erklärt er: „Wir haben uns das Leben einfach nicht mehr leisten können.“

Das klingt zunächst verrückt. Wir leben in einem wohlhabenden Land, es gibt Seniorenheime, Sozialhilfe und Pflegedienste. Doch als die Ermittlerin mit ihrem Kollegen Stedefreund diesen Fall aufrollt, zeichnet sich ab, dass das soziale Netz längst gerissen ist – und zwar vor unseren Augen. Die Pflege seiner kranken Gattin hat die Ersparnisse dieses Rentners rasch aufgezehrt. Und so ergeht es nicht nur diesem betagten Mann. Der „Tatort“ mit dem treffenden Titel „Im toten Winkel“ führt vor Augen, was es heißt, alt, pflegebedürftig und arm zu sein. Als wäre das nicht schon genug, zeigt der Krimi auch noch, wie das Schicksal der Schwächsten, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind, schamlos ausgebeutet wird.

Das Buch dieses Radio-Bremen-Krimis stammt aus der Feder von Katrin Bühlig, die unter anderem mit einem Grimme- und einem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. Im Mittelpunkt steht ein Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK). Peter Heinrich Brix, bekannt als dusseliger Kommissar aus der Pfarrer-Braun-Reihe, spielt einen unscheinbaren Mann mit einem Knochenjob.

„Wissen Sie, was für einen Tag wir heute haben?“

Im halbstündigen Takt absolviert dieser Carsten Kühne Hausbesuche. Dabei muss er jeweils in Windeseile einschätzen, welche Pflegestufe jenen Menschen zukommt, die er nur Pi mal Daumen untersuchen kann: „Wissen Sie, was für einen Tag wir heute haben?“ Wer diese Frage richtig beantwortet, so die Faustregel, der ist nicht dement. Mit dieser Methode liegt Kühne immer wieder daneben und muss sich böse Vorhaltungen jener Menschen anhören, für die das Pflegegeld überlebenswichtig ist.

Als der Mann vom Medizinischen Dienst ermordet aufgefunden wird, verdächtigen Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) Angehörige pflegebedürftiger Menschen, die einen Grund hatten, dem hartherzigen Gutachter das Lebenslicht auszublasen. Ins Blickfeld der Ermittler gerät schließlich ein zwielichtiger Pflegedienst mit unqualifiziertem Personal, den Kühne auffällig oft empfohlen hat. War der Mann vom MDK etwa bestechlich?

Der Pflege-„Tatort“ greift ein brisantes Thema auf. Rund 2,8 Millionen Menschen – also etwa drei Viertel aller Pflegefälle in Deutschland – werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Knapp die Hälfte der privat Pflegenden fühlt sich dabei psychisch bis zum Anschlag belastet. Besonders aufreibend ist die Versorgung Demenzkranker, die auf Hilfeleistung zuweilen aggressiv und gewalttätig reagieren.

Der Krimi zeigt solche Situationen in der alltäglichen häuslichen Pflege und geht dabei bewusst an die Schmerzgrenze: „Wann stirbst du endlich, Mama?“, brüllt eine verzweifelte Frau mittleren Alters ihre demenzkranke Mutter an, die schon wieder alles unter sich hat gehen lassen.

Der Film wirft aufschlussreiche Blicke hinter die Kulissen der Pflegemafia, die mit nicht erbrachten Leistungen Millionen ergaunert. Der „Tatort – Im Toten Winkel“ ist sozialkritisch im besten Sinn. Die Balance zwischen berührenden menschlichen Schicksalen und einem spannenden Krimiplot gelingt Regisseur Philip Koch, der am Buch des Kritikererfolgs „Operation Zucker“ mitarbeitete, allerdings nicht immer. Hier und da erscheint der Plot dann doch ein wenig konstruiert. Wer aber selbst die Pflegebedürftigkeit eines nahen Angehörigen miterlebt hat, dem geht diese beklemmende Geschichte trotzdem unter die Haut.

„Tatort: Im toten Winkel“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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