"Tatort" aus Frankfurt : Der Zweite ist schon der erste Verlierer

Wenn aus Leistungsanspruch krankhafter Ehrgeiz wird: Im "Tatort" aus Frankfurt "Unter Kriegern" geht es um Darwin in Reinform.

Der Schein trügt: Joachim Voss (Golo Euler, rechts) und Stiefsohn Felix (Juri Winkler) sind keine netten Menschen.
Der Schein trügt: Joachim Voss (Golo Euler, rechts) und Stiefsohn Felix (Juri Winkler) sind keine netten Menschen.Foto: HR/Bettina Müller

Bereits der vorherige Hessen-„Tatort“ mit Margarita Broich als Kommissarin Anna Janneke und Wolfram Koch als ihr Kollege Paul Brix mit dem Titel „Fürchte dich“ hat die Zuschauer mit seinem aus dem Horror-Genre stammenden Plot verstört zurückgelassen. Das Genre hat sich bei der neuen Folge geändert, diesmal erwartet die Zuschauer ein äußerst drastischer Psychothriller. Der Titel „Unter Kriegern“ beschreibt aber ebenso zutreffend, worum es geht.

In der Welt des Leistungssports, in der das Ermittlergespann Janneke und Brix ermitteln muss, zählt nur der Sieg. Wer Zweiter wird, ist bereits der erste Verlierer. Das wurde Felix (Juri Winkler) von seinem Stiefvater Joachim Voss (Golo Euler) schon früh beigebracht. Wie sein Vater weiß auch der Junge, wie er sich durchzusetzen hat. Als sein Lehrer eine Arbeit nur mit einer Zwei bewertet, droht er ihm erfolgreich mit einer Beschwerde wegen Diskriminierung. Auf dem Nachhauseweg von der Schule bringt er eine alte Frau zum Straucheln und lässt sie hilflos liegen. Von schlechtem Gewissen keine Spur.

Von krankhaftem Ehrgeiz komplett zerfressen ist aber vor allem sein Vater, ein erfolgreicher Ex-Sportler, der eine internationale Karriere als Olympia-Funktionär anstrebt. Seine Mitarbeiter demütigt er gerne vor versammelter Mannschaft, wenn er mit ihren Leistungen nicht zufrieden ist. Sozialdarwinismus in Reinform. Und an seiner Frau Meike (Lina Beckmann) lässt er kein gutes Haar, selbst ihr Sohn Felix hat längst jeglichen Respekt vor ihr verloren. Von elementarer Bedeutung für den Aufstieg von Joachim Voss ist jedoch das von ihm betriebene Judoka-Leistungszentrum. Als dort ein toter Junge in einem alten Heizungskessel gefunden wird, macht sich der Sportmanager vor allem um seine Karriere Sorgen: Aus Pietät wegen des Todes des elfjährigen Malte Rahimi (Ilyes Raoul Moutaoukkil) das Training einschränken? Davon hält er nichts, viel wichtiger ist, dass alles unter den Teppich gekehrt wird. Doch das lassen die beiden „Tatort“-Kommissare natürlich nicht zu.

Selbst den Kommissaren scheint jedes Mittel recht

Zum Hauptverdächtigen wird schnell der Hausmeister des Sportzentrums. Sven Brunner (gespielt von Stefan Konarske, der bis vor Kurzem zum Ensemble des Dortmund-„Tatort“ gehörte) ist ein ehemaliger Hooligan, der nur mühsam seinen Weg zurück in die Gesellschaft sucht und seine Aggressionen weiterhin nur schlecht unter Kontrolle hat. Brunner hatte sich öfter mit Malte Rahimi getroffen, auch außerhalb der Trainingshalle. Doch der Ex-Hooligan bestreitet die Tat. Janneke und Brix wenden bei dem labilen Brunner das ganze Repertoire an polizeilichen Psychotricks an. Zum Erreichen ihres Ziels scheint ihnen ebenfalls jedes Mittel recht zu sein.

In diesem „Tatort“ gibt es keine Wohlfühlzone, keinen geschützten Raum. In „Unter Kriegern“ (Buch: Volker Einrauch; Regie: Hermine Huntgeburth) herrscht tatsächlich überall ein martialischer Wettstreit. Im Sport ebenso wie in der Schule, am Arbeitsplatz wie in der Familie, für Kinder wie für Erwachsene und für Unschuldige wie für Polizisten. Auf den schönen Schein sollte niemand etwas geben. Das gilt für das Haus der Voss-Familie, das von vorn an einen Prunkbau aus Nordkorea erinnert und trotz des schönen Wintergartens eine beinahe körperliche Kälte ausstrahlt. Das gilt aber vor allem für den durchtrainierten Sportfunktionär mit seiner adretten Föhnfrisur und Stiefsohn Felix, der zur Unschuldsmiene gerne weiße Hemden und locker gebundene Krawatten trägt. Ein solches Duo ist mindestens ebenso ein Horror wie der Spuk-„Tatort“ vom vergangenen Jahr.

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„Tatort: Unter Kriegern“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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