"Tatort" aus Ludwigshafen : Die Menschen-Optimierer

Der Lena-Odenthal-„Tatort“ warnt vor Hightech und Künstlicher Intelligenz im menschlichen Gehirn.

Was macht ein leerer Rollstuhl im Rhein? Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Peter Becker (Peter Espeloer) von der Spurensuche sind erst mal ratlos.
Was macht ein leerer Rollstuhl im Rhein? Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Peter Becker (Peter Espeloer) von der...Foto: SWR/Sabine Hackenberg

Der eine frisiert Autos, der andere Gehirne – und beide zusammen ergeben einen Lena-Odenthal-„Tatort“ aus Ludwigshafen. Der Schrauber heißt Ali Kaymaz (Gregor Bloéb), einer seiner Angestellten, Lukas Pirchner (Igor Tjumenzev), hatte ein Auto zu scharf gescheitelt, war mit 120 aus der Kurve geflogen und ist seitdem querschnittsgelähmt. Verschwunden ist er auch, nur sein Rollstuhl steht noch im Rhein.

Kommissarin Odenthal also steht am Ufer und sagt: „Hier stimmt was nicht.“ Nicht der einzige Satz, der bei dem Krimi „Maleficius“ ins Phrasenschwein gehört. Professor Bordauer (Sebastian Bezzel) lässt vergleichbare Sentenzen los, nur lappen sie bei ihm in die Zukunft rüber. Der Wissenschaftler will das menschliche Gehirn mit künstlicher Intelligenz verbinden, wenn nicht durch KI ersetzen. Sein Institut implantiert Platine auf Platine, alles scheint für ihn möglich, Opfer werden zum Zweck einer erfolgreichen Zukunftsmenschenmedizin akzeptiert.

Klinisch weiße Welt

Dann wird die Leiche einer Ärztin gefunden, die bei ihm gearbeitet hat. Was wusste die ermordete Dr. Marie Anzell (Jana Voosen)? Odenthal und ihre Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) suchen in der klinisch weißen Welt nach Antworten, zumal sich die Hinweise verdichten, dass der verschwundene und bislang nicht auffindbare Pirchner noch lebt.

In seinem insgesamt 18., sechsten Odenthal- und nicht besten „Tatort“-Fall erzählt Autor und Regisseur Tom Bohn eine „Wissenschaftler spielt Gott“-Geschichte. Bordauer will gelähmte Menschen wieder gehen machen, Demenz wenigstens aufhalten, doch dabei bleibt es nicht. Sein Ehrgeiz in der neuronalen Forschung geht weiter, er sucht den unsterblichen Menschen zu entwickeln. Das hat den Professor in die Nähe des Nobelpreises gebracht, ehe er wegen fragwürdiger Methoden aus der Forschergruppe ausgeschlossen wurde. Jetzt macht er im Klinikum Ludwigshafen weiter.

Tom Bohn ist auf jeden Fall Skeptiker. Im Presseheft sagt er, „ich glaube, dass neben der Ökologie die Digitalisierung die Schicksalsfrage der Menschheit sein wird“. Schon in den nächsten 30 Jahren werden die Weichen gestellt sein, ob die Menschen einen riesigen Entwicklungsschritt „in Richtung einer funktionalen, rechnergesteuerten Masse genommen haben“. Ob es da – neben all den Kurz-und-bündig-Dialogen zum Thema – eine brillante Idee war, den Mediziner mit Sebastian Bezzel zu besetzen? Der Schauspieler war bis Ende 2016 selber „Tatort“-Kommissar an der Seite von Eva Mattes, jetzt reüssiert er als Dorfpolizist Franz Eberhofer in den kassenträchtig verfilmten Leberkäs-Krimis von Rita Falk.

Sebastian Bezzel zeigt den Mediziner nicht als besessenen Wissenschaftler, sein Bordauer hat eine (fahrlässige) Gemütlichkeitsschieflage, eine Malaise, weil der Krimi ansonsten die aseptische Klinikwelt in scharfen Kontrast zur schrill-bunten, rauen Tunerwelt setzt.

Gehirnmasse wie bei Krokodilen

Da wird nicht an Klischees gespart, wodurch zugleich die Inszenierung in ihrer Zwei-Welten-Dichotomie an Dynamik gewinnt. Klischees heißt auch, dass die Bordauer-Assistentin Keller (Annalena Schmidt) mindestens so eiskalt ist, wie die Schrauber-Heroen muskelbepackt und von der Gehirnmasse her nicht besser als Krokodile bestückt sind. Immerhin, in seinen Milieus zeigt sich dieser „Tatort“ entschiedener als in der Themenbehandlung und in der Handlung. Spannungsarm ist ein fast zu freundliches Prädikat.

Und will die Odenthal unbedingt ein Mensch unter Mensch bleiben, so ist Bordauers wahrer moralischer Gegenspieler der Krankenhauspfarrer Elig (Heinz Hoenig). „Wissen Sie“, sagt er zur Kommissarin, „was der größte Erfolg des Teufels ist? Dass er uns Menschen glauben gemacht hat, dass es ihn nicht gibt.“ Daher wohl auch der Titel: „Maleficius“ lässt sich mit gottlos, bösartig übersetzen.

Lena Odenthal, von Ulrike Folkerts sehr gut wiedererkennbar gespielt, geht schwer beeindruckt aus der Kapelle, die der Pfarrer nicht mehr lebendig verlassen wird. Kollegin Stern legt sich derweil wieder und wieder mit Tunerkönig Kaymaz an. Da wird verbal ordentlich Gas geben, und der Zuschauer ist gut beraten, nicht über den Sinn und Unsinn dieser Szenen nachzugrübeln, sondern lauthals zu lachen. Dann kommt er mit Satz und Spiel ohne echten Sieg gut zurecht.

„Maleficius“, ist der 69. Lena-Odenthal-„Tatort“. Noch in diesem Jahr folgt das Jubiläum, aber der 70. muss eindeutig besser werden, da sonst das Jubiläum das Finale für Lena Odenthal einläuten sollte.

„Tatort: Maleficius“, ARD, Sonntag, um 20 Uhr 15

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