"Tatort" aus Münster : Mit Scherz und Herz

Der „Tatort“ mit Frank Thiel und Karl-Friedrich Boerne feiert Weihnachten nicht nur auf mörderische Weise.

Geisterstunde. Liegt die Lösung des Mordfalls für Kommissar Thiel (Axel Prahl, links) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers) auf dem Friedhof begraben?
Geisterstunde. Liegt die Lösung des Mordfalls für Kommissar Thiel (Axel Prahl, links) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers) auf...Foto: WDR/Martin Valentin Menke

In Münster wimmelt es von Weihnachtsmännern, die russische Variante, Väterchen Frost ist auch darunter. Aber weder Jörg Weig (David Bennent) noch Artjom (Sascha Alexander Gersak) sind von Menschenfreundlichkeit oder Vorfreude aufs Fest erfüllt. Artjom entführt Kommissarin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), er will damit Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) unter Druck setzen. Kirill Grmow (Oleg Tikhomirov) sitzt vor Gericht, er soll seinen Freund erwürgt haben. Alle Indizien sprechen gegen ihn, er wurde neben der Leiche gefunden. Dann ruft Artjom bei Thiel an. Und wer den Kommissar anruft, muss damit rechnen, dass Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) mithört.

Den Prozess hat auch Jörg Weig verfolgt, er hat eigene Interessen, ist im Juweliergeschäft von Elisabeth Lange (Heike Trinker) bestens bekannt. Dort arbeitet auch Sabrina Bux (Sophie Lutz), die Schwester des Ermordeten. Juwelen spielen, wie sich zeigen wird, eine sehr entscheidende Rolle im „Tatort“ aus Münster.

14. Drehbuch von Hinter/Cantz für Münster-"Tatort"

Jan Hinter und Stefan Cantz haben mit „Väterchen Frost“ ihr schon 14. Drehbuch für den erfolgreichsten „Tatort“ in der ARD-Krimireihe geschrieben. Sie kennen die Einheit aus Ort, Zeit und handelnden Personen bestens. Sie wissen, dass hier weniger Kriminalfilm als humoristische Unterhaltung im Mit- und Gegeneinander des Figurenkranzes um Thiel und Boerne goutiert wird. Wobei „Väterchen Frost“ die Fahndung im Strang der Personen, ihrer hehren Motive und mörderischen Taten erstaunlich ernst nimmt. Da will etwas erzählt sein. Es kann sehr kalt in Münster sein, rücksichtslos und brutal.

Aber, aber: Dieser „Tatort“ läuft am 22. Dezember, da ist das Zuschauergemüt doch schon auf Heiligabend gerichtet. Mord und Totschlag wollen aufgefangen sein in einer Atmosphäre von Glühwein, Weihnachtsstern und zwischenmenschlicher Wärme. Da geht der Film durch Berg und Tal. Thiel und Boerne wollen das Fest mit Familie und Freunden verbringen, schnell jedoch häufen sich zu ihrer Enttäuschung Absagen. Der Fall und der Arbeitseinsatz sind für die beiden Singles eine willkommene Ablenkung, ein Zuviel an Harmonie empfinden sie ja sowieso als Bedrohung. Was für Artjom und Nadeshda nicht gilt. Es tut dem Krimi gut, dass die Assistentin von Thiel in eine Hauptrolle hineinwächst.

Zwinkern Richtung "Lindenstraße"

Ein „Tatort“ aus Münster wäre natürlich nicht Zuschauers Liebling, wenn sich der „Inner Circle“ aus Kommissar und Professor, aus Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann), Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch) und „Vadder“ Herbert Thiel (Claus D. Clausnitzer) nicht zum geschätzten Scherzund-Herz-Get-together zusammenfinden würde. Und ja, auch in dieser Episode werden die handelsüblichen Hakeleien in Dialogform gegossen, glücklicherweise in einer akzeptablen Dosis. Ein bisschen Kasperletheater ist in Münster immer, okay, hier und jetzt muss keiner Grenzüberschreitungen fürchten. Diese Schauspielerinnen und Schauspieler wissen, was zu tun und, noch wichtiger, zu lassen ist. Weil sie sich für ihre Figuren interessieren, weil sie Interesse an ihren Figuren wecken wollen. Regisseur Torsten C. Fischer mischt ein Gran Ironie unter die Inszenierung, auch fehlt es Personal und Szenen nicht an melancholischen Einsprengseln über die Freuden und Leiden in der Weihnachtszeit. Dass einige Traumsequenzen und Märchenzitate untergehoben werden, ist eine Überraschung. Soll das die innere Verfassung beispielsweise eines Frank Thiel illustrieren, den Weihnachtskrimi befördern oder konterkarieren? Das muss der Zuschauer entscheiden, Regisseur Fischer tut es nicht.

Auch darüber kann das Publikum grübeln – wenn es Lust hat: Zwinkert Münster nicht zuweilen Richtung eines „Lindenstraße“-Realismus, der unfreiwillig lachen macht? Wenn Kommissar Thiel mit gezogener Waffe sich Richtung Bösewicht aufmacht, dann sieht das so aus, als würde Mutter Beimer mit hartgekochten Eiern zu ihren Nachbarn schleichen.

Im Grunde Lässlichkeiten, dieser Münster-Krimi findet zu seiner Form und zu seinem Format, er ist in Fall und Figuren zu einem für den 22. Dezember passenden Film gerundet.

Schlussendliche Frage: Ist Last Christmas eigentlich der Bruder von Merry Christmas?

„Tatort: Väterchen Frost“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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