Tatort "Böser Boden" : "Öko-Nazis", sagt der Polizist

Der Tatort "Böser Boden" mit Wotan Wilke Möhring zeigt, wohin gut gemeinter Fanatismus führen kann. Mindestens an den Rand der rechten Grünen.

Grusel. „Zombie“-Kinder bedrohen Kommissarin Grosz (Franziska Weisz).
Grusel. „Zombie“-Kinder bedrohen Kommissarin Grosz (Franziska Weisz).Foto: NDR/Christine Schroeder

Zombies sind meiner fragilen Erinnerung nach noch nicht durch den „Tatort“ gelaufen. Mit „Böser Boden“ wäre es dann mal so weit. Die Kinder eines Dorfes im ländlichen Niedersachsen zeigen in ihren fahlen Gesichtern Merkmale körperlicher Versehrtheit, ihre Eltern wie auch die übrigen Dörfler weisen noch mehr Symptome auf: Müde sind sie, gereizt sind sie, stark stehen sie unter Stress. Sie fühlen sich vergiftet von einem Erdgasunternehmen. Ein LKW-Fahrer des Konzerns, Arash Naderi (Hadi Khanjanpour) aus dem Iran, wird brutal ermordet aufgefunden. Was für die Bundespolizisten Torsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) erst nach einer möglicherweise rechten Gewalttat aussieht, kommt schnell in einen anderen Bannkreis, in den auch die Ermittler gezogen werden.

Jetzt wird dieser Krimi, geschrieben von Marvin Kren („4 Blocks“, „Rammbock“) und Georg Lippert (Drehbuch für den Studenten-Oscar-Gewinner „Sadkat“), interessant, mehr als das. Er zieht auf die Mittellinie, dort stehen die Fahnder, links das Energieunternehmen, das mit der Entsorgung der Lagerstättengewässer Schindluder zu treiben scheint, auf der Gegenfahrbahn die Dorfbewohner. Sie sind aufgebracht, aufgehetzt vom diktatorischen Ökobauern Jan Kielsperg (Rainer Furch). Ob es wirklich Vergiftungen gibt, ist nicht geklärt, die Angst davor ist riesig. Und wogegen sich Erwachsene noch wehren können, dagegen wehren sich die Kinder längst nicht mehr.

Anleihen beim Zombiegenre

„Böser Boden“ kippt weder auf die eine noch auf die andere Seite, Gut und Böse changieren, Widersprüche werden nicht ausgebügelt, die 90 Minuten nehmen Anleihen beim Zombiegenre, obwohl dieser „Tatort“ ein „Tatort“ bleibt. Die einseitigen Positionen enthalten jeweils etwas Gutes, das ist die Tragik der Situation, die Tragödie der Opfer und der Täter. Sie ringen mit sich.

Der Zuschauer hat die Wahl, die Geschichte mit dem faktischen Blick des Torsten Falke oder dem mehr empathischen seiner Kollegin Julia Grosz zu sehen. Sie erkennt die Veränderung der Menschen, Falke nicht. Vielleicht will er es auch nicht, er hat erheblichen Ärger mit seinem Sohn Torben. Falke weiß gar nicht so genau, was es heißt: Vater zu sein. Eine Ahnung davon bekommt er, als ihm der Sohn eine Kopfnuss verpasst. Wotan Wilke Möhring markiert seinen Torsten Falke nicht als Macho, sondern als Macker. Der von seiner Partnerin hart angegangen wird, weil er sie in einer bedrohlichen Situation im Stich lässt. Franziska Weisz spielt ihre Figur mit einer stringenten Geradlinigkeit, da gibt es kein Links, kein Rechts. Den Privatmenschen Grosz lernt der Zuschauer noch nicht kennen.

Zuschauer darf grübeln

In der jeweiligen Herangehensweise an den Fall werden auch die unterschiedlichen Perspektiven deutlich. Das bringt den Zuschauer mit ins Grübeln. Heißt auch: Der Krimi zieht seine Spannung aus der Fahndung zwischen den Polen. Zwischen richtig und richtig kann ein ganzer Mord liegen. Der Täter wird gefunden, das große Rätsel bleibt.

Dieser „Tatort“ spielt viel in der Nacht. Das hat seine Wirkung: Die Anlage des Gaskonzerns wirkt mächtig, furchteinflößend und strahlt zugleich technozide Schönheit und Unschuld aus (Kamera: Oliver Maximilian Kraus). Die Schatten auf den Gesichtern sind tiefer, das Treffen der Öko-Extremisten hat etwas vom Sektentreffen in der Höhle.

Horror, kein Horrorfilm

Sabine Bernardi („Der Club der roten Bänder“) hat das inszeniert - aber keinen Horrorfilm daraus gemacht. Das Zombiegenre böte ja vielerlei Gelegenheit für vielerlei Effekte: Grusel und Achterbahn, Blut, Schweiß und Tränen. Wenig davon nutzt die Regisseurin, die die Hell-Dunkel-Kontraste zur Intensivierung der Handlung einsetzt, nicht aber zu deren Überhöhung. Die Möglichkeit eines Umweltskandals bleibt real, weil realistisch erzählt wird. Das ländliche Niedersachsen mit seinem Regen, seinem Morast, seinen Braun-Schattierungen bietet eine Gegend, ein Setting an, das schier nach Crossover zwischen Krimi und Horror schreit.

Gerade die sehr geerdete Figur des Torsten Falke wird genutzt, das Erdenschwere der Geschichte zu unterlaufen. Falke lästert über „Öko-Nazis“, die „den ganzen Tag nur Hirse fressen“. Auch das ist dieser Tatort „Böser Boden“: eine starke Erzählung darüber, wohin Fanatismus führen kann. Die Grünen-Fans des ARD-Krimis werden einiges zu beißen haben.

„Tatort: Böser Boden“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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