"Teufelsmoor" mit Silke Bodenbender : Ein Thriller unter uns

Mal nicht maskuliner Mainstream: Ein ARD-Thriller wird von Frauen geschrieben, gedreht, gespielt und produziert.

Jan Freitag
Mystery im Teufelsmoor. Inga (Silke Bodenbender, rechts, mit Bibiana Beglau) kehrt zur Beerdigung des Vaters ins Heimatdorf zurück.
Mystery im Teufelsmoor. Inga (Silke Bodenbender, rechts, mit Bibiana Beglau) kehrt zur Beerdigung des Vaters ins Heimatdorf...Foto: NDR/Degeto/Christiane Pausch

Neblig ist’s überm Teufelsmoor, beklemmend und kalt. Ein Krähentier krächzt unheilverkündend, als zwei Kinder durchs Feuchtgebiet laufen. Der Katastrophe entgegen – davon zeugt ja schon der bedrohliche Sound dieses Films. Wann immer sich das Publikum hierzulande gruseln soll, wird es bestens versorgt mit der Basisausstattung des Furchteinflößens. Wenn die urbane Inga (Silke Bodenbender) zur Beerdigung des Vaters ins Heimatdorf zurückkehrt und dort schmerzhaft ans rätselhafte Verschwinden ihres Bruders vor 28 Jahren erinnert wird, haben alte Häuser also verborgene Zimmer und Schränke geheime Fächer. Altersheime sind Nonnenklöster und die Landeier ringsum wie ihre Adoptivschwester Anna (Bibiana Beglau) seltsam obskur. Alles wie gehabt im Genre des Mystery-Thrillers. Mit einem Unterschied: Dieser hier wurde von Frauen gemacht.

Regie führt Brigitte Maria Bertele („Grenzgang“) nach dem Drehbuch von Corinna Vogelsang. Fürs Ganze verantwortlich ist Producerin Heike Streich, deren Hauptdarstellerinnen mangels amouröser Gesprächsthemen nicht nur jeden Bechdel-Test bestehen, sondern kaum Kollegen von Belang zur Seite haben. So viel Feminismus ist selten in Film & Fernsehen. Er ist sogar derart selten, dass „Teufelsmoor“ trotz aller Stereotypen absolut empfehlenswert ist: um Solidarität mit dem erstarkten Geschlecht in einer Branche zu zeigen, die vom schwächelnden Geschlecht männlicher Besitzstandswahrer noch immer behandelt wie ein aristokratischer Erbhof.

Erst kürzlich hat das Medieninstitut der Uni Rostock nach Ansicht von 3000 Stunden TV-Programm ein drastisches Bild fehlender Diversität gezeichnet. Ganze 17 Prozent der deutschen Filme stammen von Regisseurinnen, während der weibliche Anteil auf den Hauptsendeplätzen im Fernsehen nur hauchdünn im zweistelligen Bereich liegt. Dieses Missverhältnis dürfte mitverantwortlich sein, dass statistisch nur ein Drittel der Darsteller in tragender Rolle weiblich ist. Paritätisch besetzt sind allenfalls Telenovelas. Mit jungen Frauen, versteht sich.

Schlechte Filme machen können Frauen genauso gut wie Männer

Das wichtigste Instrument gegen diese Unwucht, dafür kämpft nicht nur die Gleichstellungsinitiative ProQuote Regie, sind Filmemacherinnen. Sie erzählen die Geschichten, sie sorgen für deren Besetzung, sie prägen Inhalt, Look und Botschaft dessen, was unverdrossen den Großteil der deutschen Freizeitgestaltung ausmacht. Gab es neben Doris Dörrie und Caroline Link einst nur eine Handvoll populärer Regisseurinnen, wächst deren Zahl seit den Nullern spürbar an, und damit eine neue, oft drastische, jedenfalls frische Bildsprache.

Trotz talentierter Newcomer von Aelrun Goette bis Sherry Hormann gewann mit Hermine Huntgeburth bislang nur eine Frau in 19 Jahren den Deutschen Fernsehpreis, während dessen Kino-Pendant „Lola“ seit Margarethe von Trottas „Rosa Luxemburg“ 1986 nur 16 Jahre später mal nicht an Männer ging.

Umso erstaunlicher war es da, als Maren Ades „Toni Erdmann“ 2017 knapp gegen Anne Zohra Berracheds Beziehungsdrama „24 Wochen“ und dem Experimentalfilm „Wild“ von Nicolette Krebitz siegte. „Ich fände es sehr befreiend", sagte Maren Ade vor der Preisverleihung im Hinblick auf die Geschlechterfrage, „wenn es diese Fragestellung gar nicht mehr gäbe.“

„Das Missverhältnis ist immer noch beachtlich“, beklagt mit Claudia Garde eine Kollegin, die es im testosteronschwangeren „Tatort“ auf stolze elf Fälle bringt. Angesichts von 80 Prozent Filmen, die selbst auf dem weiblichen Degeto-Sendeplatz am Freitag von Männern gemacht werden, habe das mit Tradition und Seilschaften zu tun. „Aber auch mit einem überholungsbedürftigen Frauenbild.“

Daher muss man jeden Film gesondert hervorheben, dessen Handschrift nicht dem maskulinen Mainstream entspringt. Schließlich zählt „Teufelsmoor“-Produzentin Heike Streich zur Minderheit einflussreicher Produzentinnen der Art von Gabriela Sperl oder Ariane Krampe, während Corinna Vogelsang im Drehbuchfach oft allein unter Männern ist, obwohl es zuletzt ebenso viele Grimme-Preisträgerinnen wie Preisträger gab. Die Lehre aus ihrem gemeinsamen ARD-Projekt lautet daher: Schlechte Filme machen können Frauen genauso gut wie Männer. Und alles andere sowieso.

„Teufelsmoor“, Mittwoch, ARD, 20 Uhr 15

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