"The Last Laugh" auf Netflix : Lachen im faltigen Hals

Ein Roadmovie mit Chevy Chase und Richard Dreyfuss: Der betörende Netflix-Film „The Last Laugh“.

Jan Freitag
Zustieg auf halber Strecke. Andie MacDowell begleitet Richard Dreyfuss (l.) und Chevy Chase auf deren Comeback-Tour zu den Comedy-Bühnen.
Zustieg auf halber Strecke. Andie MacDowell begleitet Richard Dreyfuss (l.) und Chevy Chase auf deren Comeback-Tour zu den...Foto: Patti Perret/Netflix

Ach, Alter – du bist ebenfalls ein mieser Verräter, um einmal auf einen bekannten Filmtitel über das Schicksal zurückzugreifen. Die Haut wird welk, der Hintern schlaff, das Herz gleich mit, vom Hirn ganz zu schweigen. Und dann stecken Spätgeborene den Frühvergreisten auch noch in Seniorenendlager, wo sie beim geselligen Wasserballett dem nahenden Abschied entgegengrinsen. Kein Wunder, dass der pensionierte Künstleragent Al im Angesicht einer Werbe-DVD vom „Palm Sunshine“ dreinblickt wie ein Huhn, wenn’s donnert.

Der betörende Netflix-Film „The Last Laugh“ beginnt demnach am Ende des Lebens, wenn die Zeit eher verfüllt als genutzt wird. Selbst in dieser noblen Rentnerresidenz bleibt das letzte Lachen also tief im faltigen Halse stecken. Wie gut, dass Al dort seinen Ex-Klienten Buddy wiedertrifft, der sich mit ärztlich verordnetem Gras zwar die teure Resterampe schönkifft, beim abendlichen Showprogramm von Zauberer bis Jazz allerdings nur träge wird und dämlich. Die Seventysomethings beschließen daher gemeinsam, es nochmals wissen zu wollen: Genau 50 Jahre nach dessen Rückzug von der Comedy-Bühne organisiert der alte Al dem älteren Buddy eine Comeback-Tour.

Und es kommt – nein, nicht, wie es kommen muss. Anders als in solcherlei Melodramedys üblich, scheitert der umgeschulte Fußdoktor nicht am gewandelten Zeitgeist; sein humoristischer Grenzgang zwischen Selbstzerfleischung und Randgruppenklischees reißt das Publikum ohne Faxen von den Sitzen – mal mehr wie vor Hipstern in Chicago, mal weniger wie vor Rednecks in Texas, aber stets mit Rückgrat und Stil. Unter der Regie von Drehbuchautor Greg Pritikin („Dummy“), dessen Soundtrack den Begriff des Showrunners neu definiert, entsteht ein Roadmovie hart am Rande des Rührstücks.

Zwei Sturköpfe auf Tour

Dass es nur selten darüber hinausragt, ist vor allem den Hauptdarstellern zu verdanken. Trotz einiger Ausflüge ins Grimassieren seiner Griswold-Epoche brilliert Chevy Chase als Kämpfer gegen die eigene Bedeutungslosigkeit, dessen Intensität von Richard Dreyfuss als hedonistischer Standup-Veteran noch überboten wird. Nach ihrem Zustieg auf halber Strecke von L.A. Richtung New York dient Andie MacDowell zwar vornehmlich der Mediation zweier Sturköpfe; doch auch das kann den Zauber dieser Perle kaum mindern.

Ähnlich wie zuletzt die gleichaltrigen Michael Douglas und Alan Arkin in „The Kominsky Method“ beim selben Streamingdienst, entledigen sich Chase und Dreyfuss schließlich auf so intime Art ihrer hollywoodgeschulten Eitelkeit, dass „The Last Laugh“ als Lehrfilm fürs lebenshungrige Altern in Würde taugt. Im Ambiente von Viagra-Witzen und Vintage-Motels mag er da durchaus als drolliges Porträt der amerikanischen Comedy-Szene durchgehen; darunter jedoch entspinnt sich eine hinreißende Erzählung über den Existenzkampf zweier Wählscheibenfossile im Smartphonezeitalter, die Buddys verpassten Megakarriereauftakt in der Late-Night-Show von Ed Sullivan ein halbes Jahrhundert später bei dessen Enkel Jimmy Fallon nachholen wollen.

Ob das klappt, sei mal dahingestellt. Aber mit welcher Innbrunst sich diese gut gereiften 1940er-Jahrgänge der digital beschleunigten Gegenwart stellen, macht „The Last Laugh“ zum schönsten Road-Movie seit der unprätentiösen Weinkenner-Reise „Sideways“ aus einer Zeit, als auf der Leinwand noch etwas ohne Fortsetzung mit Superhelden Erfolg haben konnte. „Ich bin groß“, antwortet Buddy mal auf Als Seitenhieb, er hätte ein Riese des Bühnenhumors werden können, „nur meine Witze sind klein“. Das sind sie in der Tat. Aber in Zeiten des grassierenden Größenwahns erwächst wahres Format eben zusehends auf unscheinbare Weise. Jan Freitag

„The Last Laugh“, Netflix

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!