"The Last O.G." : Letzte Ausfahrt Brooklyn

Vorsicht, deutsche Innenstädte: Hinter der Ganoven-Serie „The Last O.G.“ verbirgt sich auch sehr feine Gentrifizierungskritik.

Jan Freitag
Tracey Morgan in "The Last O.G."
Tracey Morgan in "The Last O.G."Foto: TNT Comedy

„Deutschland sucht den Superstar“, man muss sich das kurz in Erinnerung rufen, war mal ein Straßenfeger. Als Alexander Klaws Anfang 2003 den androgynen Daniel Küblböck bezwang, sahen 15 Millionen Leute zu - fast die Hälfte derer, die ein paar Wochen zuvor dem Finale des US-Vorbilds beigewohnt hatten. Alle kannten, viele hassten, noch mehr liebten schließlich „American Idol“.

Darunter auch Kleindealer Tray mit ghettoaffiner Afrofrisur, der zu Beginn einer famosen Serie fröhlich mit seiner Freundin streitet, ob Kelly Clarkson gewinnt oder Justin Guarini. Dummerweise geht Tray vor der Entscheidung noch mal runter. Geschäfte. Eben noch auf der Couch, wird er mit Drogen erwischt, kehrt erst nach 15 Jahren Knast heim und erlebt dort ein blaues Wunder, das für 200 Minuten Entertainment reicht.

Als dieser „Last O.G.“, wie echte Gangster im HipHop-Slang heißen, nach Brooklyn zurückkehrt, ist sein heruntergekommenes Quartier zum Szeneviertel aufgestiegen. Oder abgestiegen. Je nach Perspektive. Aus Trays Sicht ist es definitiv Letzteres. Statt der behaglichen Mixtur aus Blaulicht/Rotlicht/Wohnlicht erwartet ihn der kühle Glanz eines gentrifizierten Szenestadtteils. Seine Ex Shay organisiert im Businesskleid Charity-Events für Reiche, seine Stammbar ist ein Veggie-Restaurant, statt Kaffee gibt’s nur Soy-Latte. Und spätestens, wenn zwei Jungs im Gangsta-Outfit mit schwulem Gestus zum „Bruuuunch“ rufen, weiß der verlorene Sohn: Ich bin hier falsch! Aber ist er das wirklich?

Eine Sehnsucht nach Identität, Geborgenheit

In fünf Doppelfolgen gehen die Showrunner John Carcieri und Jordan Peele ab Freitag auf TNT Comedy eben dieser Frage nach: Wer ist im Jahr 2018 eigentlich richtiger – ein liebenswerter Schurke oder doch seine neuen, rechtschaffenden, wohlhabenden, stilsicheren, aseptischen Hipsternachbarn? In diesem Spannungsfeld bewegt sich „The Last O.G.“ von der ersten Sekunde an mit Tragikomik der relevanteren Sorte.

Die leicht überdrehte Mimik von Hauptdarsteller Tracy Morgan („30 Rock“), seine erklärenden Selbstgespräche gepaart mit viel Slapstick, all der Klamauk täuscht nicht über den Kern dieser Serie hinweg: Einer Sehnsucht nach Identität, Geborgenheit, Zuflucht in unserer dauerbeschleunigten Gesellschaft.

Zwischen dunkler Vergangenheit und kaum hellerer Zukunft im Männerasyl sucht Tray hinreißend, wie es zuletzt Jason Lee als geläuterter Kleinganove in „My Name is Earl“ gelungen ist, nach einem Weg ins Kleinbürgertum. Beide gehen ihn mit Trippelschritten, aber beharrlich. Schuld an ihrer Misere sind stets die anderen, aber manchmal ist da ja auch was dran. Wenn sich Tray, der passable Koch, nach Absagen diverser Restaurants im hippen Coffeeshop eines ehemaligen Komplizen als Verkaufskanone erweist, weckt das die Profilneurosen der Vorgesetzten. Es ist schwierig im neuen, alten Brooklyn.

Doch – das ist die gute Botschaft – es lohnt sich, dafür zu kämpfen. Und so richtet sich diese kleine, feine Serie auch an Zerstörer deutscher Innenstädte, die sie rücksichtslos dem Profit opfern. So ulkig kann Gentrifzierungskritik sein. Und so gut.

„The Last O.G.“, TNT Comedy/Sky, ab Freitag

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