"The Masked Singer" : Mehr Entertainment wird selten erreicht

Ist die ProSieben-Show „The Masked Singer“ nur billige Unterhaltung? Das ist sie, aber eben auch sehr unterhaltsam. Da tut ein bisschen Abbitte not.

Jan Freitag
Teufel in Engelsgestalt? Wer steckt in diesem Kostüm – und wird der Engel die Show gewinnen? Antworten am Donnerstagabend im Finale von „The Masked Singer“.
Teufel in Engelsgestalt? Wer steckt in diesem Kostüm – und wird der Engel die Show gewinnen? Antworten am Donnerstagabend im...Foto: ProSieben

„Ganz Deutschland“, wahlweise ergänzt um „spricht“ oder „rätselt“, „lacht“ oder „leidet – in dieser vereinnahmenden Schlagzeile versucht der Boulevard seiner kampagnenjournalistischen Strategie zum Erfolg zu verhelfen. Besonders Erregungsmedien von „Bild“ bis „Bunte“ jubeln ihr Agenda-Setting mit dem Verweis auf größtmögliche Diskussionsrunden ja gern so hoch, dass selbst billige TV-Unterhaltung zum nationalen Ereignis aufgeblasen wird. Nun aber spricht oder rätselt, lacht oder leidet scheinbar wirklich ein messbarer Anteil Deutschlands, wer hinter den Deckmänteln der Teilnehmer einer Fernsehshow steckt, die angetreten war, das Sommerloch von ProSieben zu füllen: „The Masked Singer“.

Weil davon mangels sichtbarer Belege vorab wenig zu ahnen war, erschien auch diesem Autor der Ehrgeiz, Prominente und solche, die es gerne wären, ulkig verkleidet in einen Gesangswettbewerb zu schicken, vor der ersten Live-Sendung als zu berechnend für größere Resonanz, von Relevanz ganz zu schweigen. Billiger ließe sich „Bombast schließlich schlechterdings nicht herstellen im deutschen Fernsehen“, stand am 27. Juni an dieser Stelle, gefolgt von einer Reihe mutmaßlicher Boulevardbewohner hinter den Masken, genauer: Carolin Kebekus, Luke Mockridge, Annemarie Carpendale und Matthias Steiner.

Wir müssen Abbitte leisten!

Vorm Finale am Donnerstag nämlich wurden hinter Oktopus, Schmetterling, Kakadu, Eichhörnchen und Panther ein sender- wie genreübergreifender Mix aus Lucy Diakovska, Susan Sideropoulos, Heinz Hönig, Markus Schenkenberg, Stefanie Hertel demaskiert. Und der jeweilige Enttarnungsprozess war so erfrischend, dass zumindest ganz ProSieben-Deutschland zusehends davon unterhalten wurde. Die Einschaltquote nämlich tat etwas, das die Branche seit Jahren nur ausnahmsweise mal erlebt: statt von Beginn an zu sinken, stieg sie Folge für Folge auf mittlerweile mehr als drei Millionen Zuschauer. Allein in der ominösen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen dürfte der Anteil heute die 30 Prozent knacken. Ein Riesenerfolg. Und kein unverdienter.

Ersichtliche Hingabe

Obwohl das Format zuvor selbstredend im Ausland erprobt worden war, sorgt der Mut des deutschen Privatsenders, es live zu zeigen, schließlich oft für wirklich großes Entertainment. Gerade die Jury-Mitglieder Ruth Moschner und Collien Ulmen-Fernandes waren von einer so ersichtlichen Hingabe beim Erraten der unkenntlichen Prüflinge ergriffen, als ginge es für sie um mehr als die Genugtuung, richtig zu liegen. Die gut zwei Stunden durchzieht bisweilen eine Leidenschaft, von der sich das öffentlich-rechtliche Unterhaltungsprogramm ein paar Scheiben an die LED-Wände kleben darf. Es macht einfach Spaß, dieser Maskerade beizuwohnen. Trotz allem.

Denn um hier nicht in Euphorie zu verfallen: Die bombastische Emotionalisierung ist mit Effekthascherei fast noch dezent beschrieben. Die Begeisterung des Moderators Matthias Opdenhövel für seinen Auftragsdienst wirkt in etwa so natürlich wie die Kostümierung der Kandidaten, deren Textilanteil bei der weiblichen Insassin wie üblich kurz vor nackig lag. Und der grenzenlos eitle, noch grenzenloser seichte Juror Max Giesinger bleibt die aasigste Ausgeburt selbstverliebter Eigen-PR seit, tja, eigentlich Menschengedenken. Umso mehr verblüfft es, wie seine Mitstreiterinnen das Ruder dauernd Richtung glaubhafter Empathie herumreißen.

Wer Dienstag im Finale von Jochen Schweizers Dauerwerbesendung „Der Traumjob“ erleben musste, mit welcher Inbrunst Privatsender wie ProSieben mit ihrem Programmangebot das Publikum sonst veräpppeln, der wird beim „Masked Singer“ fast zuvorkommend behandelt. Nüchtern betrachtet ist es dem allergrößten Teil Deutschlands herzlich egal, wer sich hinter Grashüpfer, Engel, Astronaut, Kudu und Monster verbirgt. Doch jene knapp vier Millionen Zuschauer, die dafür am heutigen Donnerstag an die 130 Minuten Lebenszeit aufwenden, werden definitiv darüber sprechen, rätseln, lachen und vielleicht sogar ein bisschen leiden. Mehr kann Entertainment nicht wollen – und selten erreichen.

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„The Masked Singer“, Donnerstag, ProSieben, 20 Uhr 15