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Theodor-Wolff-Preis 2019 : Tagesspiegel-Redakteurin Maris Hubschmid ausgezeichnet

In Berlin wurden am Mittwoch die Theodor-Wolff-Preise verliehen. Maris Hubschmid wurde für die beste Lokalreportage geehrt – über ein Kreuzberger Trinkerheim.

Tagesspiegel-Redakteurin Maris Hubschmid.
Für ihre Reportage aus Kreuzberg mit dem Theodor-Wolff-Preis geehrt: Tagesspiegel-Redakteurin Maris Hubschmid.Foto: Kitty Kleist-Heinrich/Tsp

„Ganz oben, den Gang runter links, wohnt Martin. Martin fand sich eines Tages mit Schläuchen und Kanülen im Körper in einem Neuköllner Krankenhausbett wieder. Passanten hatten die 112 gewählt, weil er bewusstlos in einer Hofdurchfahrt lag. Der Befund: schwerste Unterkühlung, Lungenentzündung.“

Der Beginn einer preiswürdigen Reportage: Für ihren Text „Bis zum letzten Tropfen“ aus dem Kreuzberger Herrenwohnheim erhielt Tagesspiegel-Redakteurin Maris Hubschmid am Mittwochabend in der Kategorie „Reportage Lokal“ den Theodor-Wolff-Preis – die renommierteste Auszeichnung, die die Zeitungsbranche zu vergeben hat.

Auszeichnungen erhielten in der Kategorie „Meinung überregional“ Daniel Schulz („taz“) für seinen Text „Wir waren wie Brüder“, in der Kategorie „Meinung lokal“ Gregor Peter Schmitz („Augsburger Allgemeine“) für „Heimat-Schutz“ sowie in der Kategorie „Reportage Überregional“ Tagesspiegel-Autor Marius Buhl mit seinem Text über Marathonläufer „Bis zum Letzten“ für das „SZ Magazin“.

In der Sparte „Meinung lokal“ war auch Tagesspiegel-Autor Hannes Soltau mit einem Essay über den Schmerz in der Gesellschaft nominiert worden.

Beim Thema des Jahres „Welt im Umbruch – Demokratie in Gefahr?“ gewann Andrian Kreye („Süddeutsche Zeitung“) den Theodor-Wolff-Preis 2019 für „Berührungspunkte“.

Michael Jürgs für Lebenswerk geehrt

Den Theodor-Wolff-Preis für sein Lebenswerk erhielt der Journalist Michael Jürgs. Jury und Kuratorium der vom BDZV getragenen Auszeichnung würdigten Jürgs, „der als streitbarer und engagierter Verteidiger eines unabhängigen, aufklärerischen Journalismus immer wieder mit großen grundsätzlichen Beiträgen zum Journalismus hervorgetreten sei“.

Ausgezeichnet: Michael Jürgs
Ausgezeichnet: Michael JürgsFoto: picture alliance / dpa

Jürgs konnte krankheitsbedingt nicht persönlich an der Verleihung im Radialsystem V teilnehmen.

Jürgs‘ Studienkollege und Freund seit 56 Jahren, Michael Naumann, erster Kulturstaatsminister in Deutschland und heute Gründungsdirektor und Geschäftsführer der Barenboim-Said-Akademie Berlin, würdigte in seiner Laudatio den faszinierenden, bunten Lebensweg des „Ur-Journalisten“. Seinerzeit „Wunderkind des AZ-Feuilletons“ habe Jürgs beispielsweise entscheidend dazu beigetragen, den Grundgesetzkommentator Theodor Maunz als „Schreibtischtäter“ mit nazistischer Vergangenheit zu entlarven. „Jürgs‘ Stolz war unverkäuflich“, lobte Naumann den Freund mit Blick auf die furiose Episode als Chefredakteur beim „Stern“, die mit dem Rausschmiss des Journalisten endete. Fortan habe er Bücher geschrieben – unter anderem über Axel Springer und Romy Schneider – und Filme gedreht. Die Auszeichnung für das Lebenswerk komme „ein wenig zu spät, finde ich, aber gerade noch in womöglich letzter Minute“.

Ein Plädoyer für die freie Presse

Jürgs ließ eine Dankesrede übermitteln. „Ich hätte Sie alle, euch alle, gern noch mal gesehen. Ging leider nicht. Danke Dir, old friend Mike, für deine Laudatio. Danke der Jury für die Ehre, mich ausgewählt zu haben für diesen wichtigsten deutschen Journalistenpreis. Glückwunsch an alle, die heute ausgezeichnet wurden. Theodor Wolff verkörperte beispielhaft aufrecht die vierte Säule einer Demokratie – die freie Presse“, teilte Jürgs mit. „Sie wird, egal wo auf der Welt, als erstes ermordet, wenn Autokraten und Despoten an die Macht kommen. Den Chefredakteur des Berliner Tageblatts, der auf ihrer Hassliste ganz oben stand, zwangen die Nazis ins Exil, ließen ihn nach der Okkupation Frankreichs verhaften. Er starb in Gestapohaft.“

Und weiter schrieb Jürgs: „Die Umschreibung unseres geliebten Berufes als vierte Macht war mir stets zu martialisch. Jetzt aber, in Zeiten, da Barbaren unsere Zivilgesellschaft attackieren und vor Mord nicht zurückschrecken, ist es der passende Begriff. Den Feinden der Demokratie, auf der Straße oder im Netz, ist zu begegnen mit aller Macht des Staates, aber auch mit unseren eigenen Waffen – Wörtern und Worten. Die werden gelesen. Analog wie digital. Lokal wie regional wie überregional. Wir sind Volkes Stimme. Nicht die anderen. Und wir sind die Mehrheit.“

Theodor Wolff musste vor den Nazis ins Exil fliehen

Die neunköpfige Jury (darunter Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt) hatte insgesamt 13 Beiträge in vier Kategorien sowie für das Thema des Jahres nominiert. An der Ausschreibung hatten sich 438 Journalistinnen und Journalisten beteiligt. Der Preis ist mit insgesamt 30.000 Euro dotiert.

Der Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis – wird vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger ausgeschrieben und erinnert an den langjährigen Chefredakteur des legendären „Berliner Tageblatts“, Theodor Wolff (1868-1943). Wolff musste 1933 vor den Nazis ins französische Exil fliehen, wurde dort verhaftet und der Gestapo ausgeliefert und starb 1943 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin.

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