TV-Porträt Ferdinand von Schirach : Der Unscheinbare

Das ZDF begleitet die neuen Folgen von „Schuld“ mit einem Porträt von Ferdinand von Schirach. Der Bestsellerautor gibt darin einiges von sich preis.

Manfred Riepe
Ein Jahr lang ließ sich Ferdinand von Schirach (l.) von Filmautor Claudio Armbruster für das Porträt begleiten.
Ein Jahr lang ließ sich Ferdinand von Schirach (l.) von Filmautor Claudio Armbruster für das Porträt begleiten.Foto: ZDF und Michael Parente

Mit dem Schreiben begann er wegen seiner Schlafstörungen. Das war vor etwa zehn Jahren. Heute ist er ein international gefeierter Bestsellerautor. Sein Theaterstück „Terror“ wird auf allen Kontinenten gespielt. In einer Dokumentation gibt Ferdinand von Schirach Einblicke in die Geheimnisse seiner Kreativität.

Ob er mal eine Schreibblockade hatte? Nein, nie. Er schreibt jeden Tag, immer eine Seite. Im Café oder sonst wo. „Man soll davon nicht so viel Aufhebens machen“, erklärt der unscheinbare Mittfünfziger. Ein wenig wie ein Beamter wirkt er schon, dieser Mann mit Halbglatze, der sich als Rechtsanwalt profilierte und erst mit 45 seinen ersten Kurzgeschichtenband veröffentlichte. Über das Privatleben des Flaneurs, der Venedig und Berlin sein Zuhause nennt, ist wenig bekannt. Umso erstaunlicher ist es, wie bereitwillig er in dieser Dokumentation über sein Denken und seine Arbeit spricht.

Ein Jahr lang hat ZDF-Kulturredakteur Claudio Armbruster den Schriftsteller mit der Kamera begleitet. Auf dieser filmischen Reise spricht er unter anderem über Baldur von Schirach. Die Erinnerung an seinen Großvater, den Reichsjugendführer der NSDAP, der bei den Nürnberger Prozessen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurde, ist für den Enkel ein Ansporn, sich mit der Würde des Menschen auseinanderzusetzen – ein Schlüsselmotiv, das sein gesamtes Werk durchzieht.

Im Film kehrt von Schirach zu Orten seiner Kindheit zurück, unter anderem in das Jesuitenkolleg St. Blasien im Schwarzwald. Hier geschahen damals pädophile Übergriffe. Obwohl er davon nichts mitbekam, spricht der Autor über diese Dinge mit sichtlichem Unbehagen, das seine gesamte Internatszeit prägte. „Ich hatte das Grundgefühl, nicht dazuzugehören.“ Diese Empfindung, die ihn bis heute nicht verlassen habe, wurde zu einer Quelle seiner Schöpferkraft. Als Außenseiter beobachtet von Schirach die Dinge stets vom Rand des Geschehens. Beim Niederschreiben bestünde die Schwierigkeit darin, „alles wegzustreichen, bis der blanke Satz übrig bleibt, der kein Ornament mehr hat“.

Begegnung mit Schirach-Fans

Das Feuilleton zumindest ist von seinen zuweilen lehrbuchhaften Krimis nicht durchweg begeistert. Doch das interessiert den Kettenraucher, der nicht kocht und mit Natur nichts anfangen kann, nicht. Wichtig sei es ihm, den Leser zu erreichen. Mit Literaturkritik wird der Autor in diesem Film nicht behelligt. Stattdessen begegnet er drei Prominenten, bekennenden Fans seiner Bücher. Mit Benjamin von Stuckrad-Barre ist von Schirach seit vielen Jahren befreundet. Das spürt man in diesem schrillen Gespräch, das in Venedig stattfindet.

Weniger gemeinsam hat der Autor mit der Influencerin Xenia Adonts, die er in einem Berliner Café trifft. Von Schirach lehnt soziale Medien ab. Die High-Fashion-Bloggerin dagegen hat 1,7 Millionen Abonnenten auf Instagram. Die junge Frau „kreiert Content“, von Schirach schreibt Sätze von kristalliner Klarheit. Gegensätze ziehen sich nicht in jedem Fall an. Zweifellos interessanter ist die Begegnung mit Anselm Kiefer. Von Schirach besucht den berühmten Maler und Bildhauer in dessen Kunstareal „La Ribaute“ im südfranzösischen Barjac. Durch diesen monumentalem Gebäudekomplex sowie die Wucht der hier zu sehenden Werke und die mühelose Exzentrik des Künstlers tritt der Schriftsteller etwas in den Hintergrund.

Das tut dem Porträt [„Schuld nach Ferdinand von Schirach“, ZDF, Freitag, 21 Uhr 15, dann um 23 Uhr 45 „Ferdinand von Schirach – Die Würde des Menschen“] gut, das den Starautor eine Spur zu sehr hofiert. Es ist ein ambitioniert gestalteter Hochglanzfilm, der visuell einiges zu bieten hat. Kritische Stimmen fehlen jedoch. Über die Literatur selbst hätte man gerne etwas mehr erfahren. Die Doku ist durchaus kurzweilig. Sie bedient den Kult um den schriftstellernden Anwalt.

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