TV-Reportagereise : Wie Juden in Europa leben

Jüdisches Leben in Europa. Für eine TV-Dokumentation begeben sich Alice Brauner und Yves Kugelmann auf eine Reportagereise.

Manfred Riepe
Unterwegs in „Klein-Jerusalem“. Alice Brauner und Yves Kugelmann (2. v. l.) besuchen für ihre Dokumentation unter anderem Straßburg. Ein Jude spüre hier auf der Straße keinen Antisemitismus, erfahren die beiden.
Unterwegs in „Klein-Jerusalem“. Alice Brauner und Yves Kugelmann (2. v. l.) besuchen für ihre Dokumentation unter anderem...Foto: AVE Publishing

Es gibt einen jüdischen Alltag in Europa, der in den Medien nur selten gezeigt wird. Stattdessen ist die Berichterstattung meist fokussiert auf antisemitische Übergriffe oder die Nahostpolitik. Eine zweiteilige Arte-Dokumentation wirft überraschende Blicke hinter die Kulissen einer Diasporagemeinschaft und spürt dabei der Vielfalt jüdischer Identitäten in Frankreich, Deutschland, Polen, Ungarn und Italien nach.

Um diesen Facettenreichtum darzustellen, bricht die Journalistin Alice Brauner, Tochter des Produzenten Artur Brauner, gemeinsam mit dem Schweizer Zeitungsverleger Yves Kugelmann zu einer entspannten Reportagereise auf, die interessanterweise in Tanger beginnt. Jüdische Kultur ist Teil marokkanischer Geschichte. Das ist nicht vollkommen neu, wurde aber bisher selten in einem Film hervorgehoben. In Marseille, der nächsten Station der Erkundungsreise, hat sich das jüdische Leben nach den Anschlägen in Toulouse (2012), auf die Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ (2015) und in Nizza (2016) stark verändert. „Wir haben gepanzerte Fenster und eine Sicherheitsschleuse wie in einer Bank“, erklärt Jean-Jacques Zenou, Direktor von Radio Juive. Trotzdem betont der Radiomacher das Nebeneinander der Kulturen, das „zu 95 Prozent“ funktioniere. Im Gegensatz zu Paris könne man in Marseille eine Kippa auf der Straße tragen, ohne attackiert zu werden, sagt Réouven Ohana, Großrabbiner von Marseille.

Ein ähnliches, im Detail aber dennoch völlig anderes Bild vermittelt der Film von Straßburg, einem der ältesten jüdischen Zentren Europas, das auch als „Klein-Jerusalem“ bezeichnet wird. Das jüdische Viertel ist hier Teil des alten Stadtkerns. Ein Jude auf der Straße, so Harold Avraham Weill, Oberrabbiner von Straßburg, wird hier keinen Antisemitismus empfinden.

Der zweite Teil der Doku lotet jüdisches Leben in Berlin, Warschau und Budapest aus. In der ungarischen Hauptstadt treffen Brauner und Kugelmann auf die kurz darauf verstorbene Philosophin Ágnes Heller. Mit großer Leidenschaft spricht die 90-Jährige vor der Kamera über das judenfeindliche Klima, das durch die Regierung Orban in ihrem Land verstärkt wurde.

Brauner und Kugelmann, beide selbst Juden, berichten aus ihrer Innensicht, also aus jüdischer Perspektive. Sie versuchen jüdisches Leben und Denken zwischen Mehrheits- und Minderheitengesellschaften ungefiltert zu zeigen. Ihre Besuche bei Rabbinern, Musikern und Kulturschaffenden sind Stippvisiten, die sich zu einem beeindruckenden Mosaik fügen. Brauner und Kugelmann führen keine angestrengten Diskurse. „Jüdisch in Europa“ ist kein mahnender Problemfilm. Es geht um Stimmungsbilder, um die Protokollierung einer gelebten Normalität.

Das eigentlich Spektakuläre an diesem Film ist, dass es nichts Spektakuläres gibt. Drohnen-Kamerafahrten über die Dächer von Tanger und Marseille sowie Innenansichten von architektonisch beeindruckenden Synagogen machen die Dokumentation zu einem visuellen Erlebnis. Gemeinsam mit Regisseur Christoph Weinert gelingt Brauner und Kugelmann eine ungewöhnliche filmische Reise, die man als Zuschauer gerne mitmacht.

„Jüdisch in Europa“, Arte, Dienstag, um 22 Uhr 45

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