TV-Talk "Anne Will" zu Grenzwerten : Viel heiße Luft, manchmal auch schmutzig

Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über die Gefahren des Feinstaubs und über Grenzwerte. Der Nebel lichtet sich auch im Studio nicht.

Debatte über Grenzwerte: Anne Will und ihre Talk-Gäste
Debatte über Grenzwerte: Anne Will und ihre Talk-GästeFoto: Screenshot von daserste.ndr.de/annewill/index.html

Seit vergangenem Mittwoch sorgt sie für Aufregung: die Erklärung des Lungenfacharztes Dieter Köhler, dass der von der EU festgelegte Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft zu niedrig sei - und die damit gerechtfertigten Fahrverbote in Deutschland unsinnig. Über 100 weitere Ärzte haben sein Petitionspapier mittlerweile unterzeichnet - kein einziger will einen Patienten behandelt haben, der von Stickoxiden in seiner Straße erkrankt ist.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hört das gern: er sieht die Zeit gekommen, dem ungeliebten Grenzwert samt Fahrverboten zu Leibe zu rücken. Andere Forscher und Politiker sind da skeptischer - Grund genug, eine Anne-Will-Runde einzuberufen.

Scheuer selbst hatte keine Zeit für einen abendlichen Talk und schickte Steffen Bilger (CDU), Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Der bekundete, Zweifel am Grenzwert gebe es seit vielen Jahren - nur sei nie in der breiten Öffentlichkeit darüber diskutiert worden. Unterstützung fand er bei Judith Skudelny, der umweltpolitischen Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion: Sie wäre nicht abgeneigt, den Grenzwert erst einmal auszusetzen, schließlich sei "die Luft so sauber wie noch nie". Dass Deutschland damit geltendes EU-Recht unterlaufen würde, sprach Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende der Grünen an.

Aussetzen? Behalten? Modifizieren wie per Änderung des Bundesemmissionsgesetz - was denn nun? Für wirkliche Aufklärung abseits der Politik-Scharmützel sollten eigentlich die zwei Wissenschaftler der Runde sorgen: Dieter Köhler selbst sowie Epidemiologe Heinz-Erich Wichmann, der an der Ausarbeitung des EU-Grenzwerts beteiligt war.

Persönliche Angriffe

Doch von harter Zahlen- und Faktendebatte nicht einmal eine Bremsspur. Wichmann erging sich minutenlang darin, das Wesen der Epidemiologie zu erläutern; Köhler wirkte beim Herunterrattern seiner akademischen Meriten äußerst egozentrisch. Unschön auch die Momente, in denen die Debatte völlig ins Persönliche ging und Köhler Wichmann unterstellte, er habe bei der Ausarbeitung des Grenzwerts Forschungsgelder aus nicht unabhängigen Quellen bekommen.

Wichmann revanchierte sich unter anderem damit, Köhler einen "wissenschaftlichen Exoten" zu nennen durchblicken zu lassen, dieser sei fachlich in den Neunzigern hängengeblieben.

Immerhin, eine Zahl gab es doch noch: Köhler findet, ein Grenzwert von 100 Mikrogramm wäre ausreichend - wie in den USA. Eine Aussicht, die Grünen-Politikerin Baerbock in regelrechte Schnappatmung versetzte - man müsse schließlich auch an "Kinder und Schwangere" denken, die entlang höchst belasteter Straßen lebten oder sie passierten.

Skudelny konterte, dass an den bisher mit Messstationen ausgestatteten Straßen "keine Mengen an Schwangeren" vorbeilaufen würden - doch besagte Messstationen sind tatsächlich Thema. Deutschland Umstrittenste steht derzeit am Stuttgarter Neckartor direkt an einer Ampel und misst vor allem beim Wiederanfahren der Autos Spitzenwerte. Ein Team des Fraunhofer Instituts, das 50 Meter daneben maß, stellte nur den halben Wert fest. "Wir versuchen in belasteten Regionen Höchstwerte zu messen", stellte Skudelny fest.

CDU-Mann Bilger geht sogar einen Schritt weiter: Er behauptet, andere EU-Länder hätten lediglich kein Problem mit ihrer Luftqualität, weil anders gemessen werde - was sich Baerbock wiederum gar nicht vorstellen kann.

Fazit des Abends: viel heiße Luft, die manchmal auch schmutzig war.

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