TV-Talk "Anne Will" zum Brexit : Wir Deutschen sind die besten Europäer

Zum Thema Brexit war der britische Botschafter Sir Sebastian Wood zu Gast bei Anne Will. Doch die deutschen Talk-Gäste hörten ihm nicht zu.

Moderatorin Anne Will diskutierte mit ihren Gästen den anstehenden Brexit.
Moderatorin Anne Will diskutierte mit ihren Gästen den anstehenden Brexit.Foto: dpa/Michael Kappeler

Ich will ehrlich sein, ich hab wenig verstanden. Warum? Das liegt sicher an mir. Ich hätte länger, ich hätte andere Fächer studieren sollen. Ich hätte stenografieren lernen sollen. Ich hätte die 28 Länder der EU ausgiebiger erkunden und bereisen sollen. Ich habe versagt. Ich lehne den Job, diese Talkshow zu rezensieren, zu rekapitulieren ab. Soll jemand anders berichten. Jemand mit Überblick. Jemand mit Weitblick. Jemand mit Aus- und Einblick. Ich bin es nicht. Schon der Titel der Sendung stürzte mich in Konfusion. „Der Brexit-Countdown - Was bleibt von Europa?“ War nun der Brexit, die Brexit-Verhandlungen oder die Post-Brexit-Ära das Thema? Leben wir vor, inmitten oder nach der Europa-Apokalypse, die die Frage „Was bleibt?“ bereits andeutet?

Die Gäste immerhin kann ich nennen: Sir Sebastian Wood, britischer Botschafter in Deutschland. Annette Dittert, ARD-Journalistin und frühere Korrespondentin in Warschau und London. Sigmar Gabriel, der ehemalige Außenminister und Dirk Schümer, Europa-Korrespondent der Zeitung „Die Welt“.

Der Botschafter war höflich. Und diplomatisch. Und Gefangener seiner Regierung. Man wolle - so meinte er wohl - ein guter Freund und Partner bleiben. Man wolle, so der Botschafter, das Brexit-Referendum akzeptieren, die EU und den Binnenmarkt nicht unterminieren und keine neue Grenzen in Irland. Dann verstummte der Botschafter. Oder besser: Die Deutschen erklärten ihm Europa und die Welt. Die Stirn des Botschafters warf immer bekümmertere Falten. So sieht dann wohl ein harter Brexit aus, wir Deutschen führen das große Wort im Mund der anderen. Die schweigen dann und bekommen große glühende Ohren. Vielleicht geht es so manchem Europäer, der am Rand Europas lebt.

Sigmar Gabriel geißelte erst mal die politische Klasse Englands, natürlich in erster Linie die Tories. Machtversessen, machtvergessen. Klar, Jeremy Corbyn ist ein glühender Europäer oder? Dann - so hab ich es verstanden - wollte Gabriel den Briten mehr Zeit geben zum Verhandeln. Warnte aber den Botschafter davor zu meinen, man könne die süßen Früchte der EU ernten, sich aber nicht an den Pflichten beteiligen. Das sei für die Nationalisten und Populisten in der EU eine Steilvorlage.

Polen gefährlicher als Brexit

Gabriels Ausführungen reichten tief in die europäische Geschichte. Er regte sich über EU-Technokraten auf, benutzte dann aber technokratische Argumente mit virtuoser Bravour, ein Kunststück, das mich vollends aus der Bahn warf. Immerhin notierte ich einen kurzen Satz von ihm: „Die Welt um uns herum steht Kopf und es ist unfassbar, was die sich leisten.“ Ich denke, er meinte die Europäer oder die Brexit-Verhandler. Oder mich? Keine Gewähr!

Dirk Schümer sagte einen melancholischen Satz: „Ich mag mir ein Europa ohne England nicht vorstellen, da kommen mir die Tränen.“ Der Journalist lebt in Venedig, ist also fast ein echter Italiener und leidenschaftlicher Europäer. Er beklagte, das schien mir sein Hauptpunkt zu sein, dass die EU die Populisten füttere, weil sie lange Jahre die Menschen in den ärmeren Länder vernachlässigt habe. Es setze sich eine „bourgeoise Sklavenhaltermentalität in Europa“ durch, die reichen EU-Länder genössen die Vorteile der Freizügigkeit, die anderen gehen daran zugrunde. Plötzlich waren wir in Polen, in Italien, ein bisschen in Griechenland und Rumänien.

Sigmar Gabriel hatte sehr viel Einfühlungsvermögen für Polen, Annette Dittert auch, aber anders. Sie sieht Polen auf dem Weg in die illiberale Demokratie. Die Entwicklung in Polen sei gefährlicher als der Brexit. Der britische Botschafter sah aus wie ein Schüler, der den Anschluss verloren hat.

Düstere Prognosen

Gabriel verdüsterte die globale Perspektive. China und Russland steigen auf, Europa spricht mit tausend teuflisch zerstrittenen Zungen. Mir war, ehrlich gesagt, nicht deutlich, wer wen für das europäische Schlamassel verantwortlich machte. Gabriel hatte für alle viel Mitgefühl, sah aber wohl überall Reformbedarf und Versagenskulturen. Dittert, die ich von allen noch am besten verstand, warnte davor, den schwarzen Peter auf die EU abzuschieben. Der Botschafter schwieg und Schümers Sätze wurden immer finsterer.

Wir Deutschen, dachte ich, müssen mit einem Apokalypse-Gen zur Welt gekommen sein. Auch mir ging es derweil, 22. 45 Uhr, hundsmiserabel. Die Talkshow stürmte mit Siebenmeilenstiefeln in die Aporien des Abends. So viel hatte ich begriffen: Wir, die Deutschen, sind die besten Europäer. Wir sprechen über Europa ohne Gäste aus Europa. Dem Viertelgast Sir Wood hören wir nicht zu. Wir kennen uns auch super aus in den Ländern der anderen. Unsere Expertise ist beeindruckend. Unaufhaltsam raste die Sendung dem Ende entgegen, wieder einmal versuchte ich vergeblich, einen Satz festzuhalten, ich notierte noch ein Fragment von Schümer, „dann wird es finster auf dem Kontinent!“

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Doch auf einmal wurde es hell. Ich hatte schon immer das Gefühl, Anne Will kann durch den Bildschirm in meinen Kopf schauen. Sie sagte: „Wir geben lieber ab zu den Tagesthemen, bevor es noch dunkler wird.“ Wie konnte sie wissen, wie ich mich fühle? Ich kündige. Ich mach das nicht. Kein Bericht über diese Talkshow, ich steige aus. Nur noch zwei Sätze, die mein empörendes Unvermögen nicht kaschieren, aber doch ablenken sollen: 1.) Die Zentrale ist oft blind für die Ränder. 2.) Die applausstärksten Argumente sind nicht immer die redlichsten.

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