TV-Talk "Anne Will" zur Europawahl : Frau von Storch will sowieso lieber den Dexit

Das Thema Europa bot eigentlich genug Zündstoff für eine angeregte Debatte bei Anne Will. Doch die Gäste ließen es an Deutlichkeit fehlen.

Gerd Appenzeller
Thema Europa: Anne Will und ihre Gäste diskutieren.
Thema Europa: Anne Will und ihre Gäste diskutieren.Foto: Screenshot von https://daserste.ndr.de/annewill/index.html

Emmanuel Macron, der französische Präsident, hat alleine in diesem Jahr bereits drei mal vor allem an die Deutschen appelliert, Europa im Jahr der Wahl zum Europäischen Parlament nicht vor die Hunde gehen zu lassen, dieses Europa nicht den Populisten und Nationalisten auszuliefern. Die deutsche Bundeskanzlerin hat darauf bis heute keine Antwort gefunden. Hat sie nichts mehr zu sagen, in des Satzes doppelter Bedeutung?

Annegret Kramp-Karrenbauer, ihre Nachfolgerin als CDU-Vorsitzende, hat jetzt  in der Zeitung „Die Welt“ auf zwei ganzen Zeitungsseiten eine Antwort auf Macron formuliert. Es war eine CDU-Antwort von gewohnter Sprödigkeit, voller Beharrungsvermögen, frei von Leidenschaft und Temperament.

Was hat wohl Manfred Weber dazu zu sagen, immerhin der Spitzenkandidat der Europäischen Volksparteien, ein CSU-Mann mit Stil, weit weg vom Krachledernen? Und Christian Lindner, der FDP-Vorsitzende, der so eloquent erklären kann, was mit Frankreich nicht geht? Oder Beatrix von Storch von der AfD, gerne arrogant und frei von Noblesse?  Und erst Yanis Varoufakis, der als griechischer Finanzminister in der Euro-Krise seine deutschen Widerparts so eloquent an die Wand zu reden verstand?

Klarheit wäre schön gewesen

Das war die Mischung bei Anne Will, in der Pfeffer hätte sein können, wenn sich die alle Kontrahenten so klar ausgedrückt hätten wie Christian Lindner, dessen Positionen sich eigentlich auf einen einzigen Punkt konzentrieren lassen: Wir wollen nicht für die anderen zahlen.

Da lachte ihn der schlitzohrige Yanis Varoufakis nicht nur im übertragenen Sinne, sondern tatsächlich aus. Die Vergemeinschaftung der Schulden haben wir doch schon seit 2010, erklärte er dem FDP-Chef im Rückblick auf die Griechenlandkrise. Auch sonst liebte er Klartext: Die Deutschen sollten aufhören, von Emmanuel Macron zu schwärmen, seine Rede vor der Sorbonne, die viel gerühmte, sei doch inhaltlich von Schäuble und Merkel „abgeschossen worden“, der Redner selber von den Deutschen „zu Tode umarmt“. Ein Zyniker ist er geblieben, Yanis Varoufakis…

Da hatte es CSU-Mann Manfred Weber schwer. Irgendwie war er immer wieder die Stimme der Vernunft, beklagte, dass über Europa immer nur gemault würde, die Leistungen der EU aber nie anerkannt. Aber dann druckst er auch wieder verzweifelt herum, warum seine Europäischen Volksparteien Viktor Orban und dessen ungarischen Ableger in der EVP nicht längst aus ihren Reihen ausgeschlossen hätten. Das käme, beschwört er, wenn der nicht klein beigibt, dann wird er ausgeschlossen, ganz bestimmt. Dazu spielt Anne Will dann, so viel Gemeinheit muss schon sein, in Bild und Ton ein, wie Horst Seehofer eben diesen Victor Orban anflirtet – wenn’s Merkel schadet, liebt man eben auch faschistisch angehauchte Antisemiten.

Keine Illusion über die Briten

Ach ja, und da war noch Beatrix von Storch von der AfD. Die lieferte ein schönes Praxisbeispiel für die Anwendung der alten Volksweisheit, wonach nur die dümmsten Kälber ihre Metzger selber wählen. Ja, bestätigte sie eine Frage von Anne Will, die AfD wolle den Dexit, den deutschen Austritt aus der EU. Aber wenn das entscheidende Gremium nun einmal vorerst das Europäische Parlament sei, dann müsse die AfD dafür eben auch kandidieren.

Noch ein Gast sorgte für Desillusionierung, aber auf sympathisch ungeschnörkelt-offene Art. Cathrin Kahlweit, die Londoner Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung, erklärt zum Thema Brexit: Die Briten haben schon lange von der Europäischen Union Abschied genommen. Eigentlich hätten sie schon seit ihrem Beitritt über den Austritt nachgedacht.