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TV-Talk „Anne Will“ zur Krise der Groko : Bloß keine Visionen!

Wissen CDU und SPD noch, wo sie hinwollen? Das ist eine spannende Zukunftsfrage. Aber Anne Will und ihre Gäste debattieren über die verlängerte Gegenwart.

Was können CDU und SPD noch leisten? Anne Will und ihre Gäste diskutieren.
Was können CDU und SPD noch leisten? Anne Will und ihre Gäste diskutieren.Foto: Screenshot von https://daserste.ndr.de/annewill/index.html

Da ist eine große Chance vertan worden. Bei "Anne Will" hätten die Gedanken mal richtig hoch fliegen können. Was soll dieses Deutschland, was will die deutsche Gesellschaft in zehn und mehr Jahren sein?

Marina Weisband, Autorin, Netzaktivistin und Grünen-Mitglied, hat es kurzfristig versucht, als sie von einem neuen, dem künftigen Menschenbild sprach, aufforderte, über Familie oder Bildung in 50 Jahren nachzudenken. In solchen, wenigen Momenten klang an, was in dem Thema der Talkshow stecken konnte: "Die Führungsfrage - wissen CDU und SPD noch, wo sie hinwollen?"

Aber die Zukunft, das wurde schnell deutlich, ist immer nur und immer nur noch die um ein paar Wochen oder Monate verlängerte Gegenwart. Also verschwand die Anregung von Weisband sofort im Dunst der Frage, wer nun am Richtungskampf der CDU wesentlich Schuld trägt.

Die Personalie Annegret Kramp-Karrenbauer wurde ausgiebig diskutiert, die Journalistin und Biographin Kristina Dunz suchte die Stärken der Parteichefin und Bundesverteidigungsministerin herauszustellen, während der Bundesvorsitzende der Jusos, Kevin Kühnert, wieder die fehlende Führung durch Parteispitze und Kanzlerin Merkel monierte und sich laut beklagte: "Die CDU kommt nicht in die Gänge." Chuzpe bewies der 30-Jährige, keine Frage, wie er die eigene, führungslose Partei glatt übersah und nur beim Koalitionspartner Defizite beklagte.

Für wen können Kühnert und Ziemiak sprechen?

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak verteilte Beruhigungspillen ins Publikum, nach seinen Worten werden beim Bundesparteitag Ende November in Leipzig die innerparteilichen Debatten beendet und sich die Desorientierungen aufgelöst haben. Nicht nur an dieser Stelle schoss Zweifel hoch, ob Kühnert und Ziemiak die Autorität und die Kompetenz haben, die Frage hinreichend zu beantworten, was die (Regierungs-)Parteien in die Zukunft denken und planen.

Dafür hätte es auch Herausforderung, meinetwegen Provokationen der Moderatorin gebraucht. Anne Will aber hielt den Ball flach, ganz rasch verengte sie die Runde und ihre Teilnehmer auf Themen wie Grundrente oder Thüringen oder AKK. Bei der Grundrente durften Kühnert und Ziemiak wieder Parteipolitik im kleinen Karo veranstalten, Prüfung der Bedürftigkeit nur zum Beispiel.

Unwichtig ist das nicht, nur wird die Dimension gleich eine andere, wenn der Einwurf des Journalisten und Autors Gabor Steingart, die Grundrente sei nicht das Rententhema der Zukunft, aufgenommen worden wäre. Wurde er nicht, so wenig wie der Gedanke von Marina Weisband Richtung Thüringen: Das Mantra, die AfD sei böse, reiche hinten und vorne nicht. Die anderen Parteien müssten Antworten, also eine Politik finden, die die AfD obsolet machen würde.

Bei "Anne Will" fehlte es am Sonntag vor 3,62 Millionen nicht an Eingaben, um das Grundthema anzuheben, zukunftsfähig zu machen. Ist nicht passiert, also wurde nur die Deichmannisierung der Politik und der politischen Talkshow vorangetrieben.