US-Zeitungsmarkt : Wie sich Trumps Medienhetze auf Lokalzeitungen auswirkt

Fast täglich hetzt Donald Trump gegen Medien und meint meist die "New York Times" oder CNN. Aber seine Worte entfalten auch tief im Landesinnern ihre Wirkung. Ein Essay.

Art Cullen hat für seine Recherchen einen Pulitzer-Preis erhalten.
Art Cullen hat für seine Recherchen einen Pulitzer-Preis erhalten.Foto: promo

Charles L. Westmoreland, so sieht er es inzwischen, verteidigt die Freiheit. Nichts weniger als das.

Seit einem Jahr ist der bullige Enddreißiger mit Glatze und schmaler Brille Chefredakteur der Lokalzeitung „Columbia Daily Tribune“. Die hat 15 000 Abonnenten und 15 Mitarbeiter. Aus einem kleinen, ein wenig dunklen Büro heraus bringt die „Tribune“ Licht in die politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Angelegenheiten von Columbia, einer Stadt mit 120 000 Einwohnern im Bundesstaat Missouri. Für den Job ist Westmoreland mit Frau und drei Söhnen nach Columbia gezogen, wie die „Tribune“ in einem Artikel mitteilt, in dem „der Neue“ der Leserschaft vorgestellt wird. Seine Pläne für die erste Zeit? Die Leser kennenlernen, sagt Westmoreland: „Ich würde gern wissen, was sie von der Zeitung halten, was sie darin sehen wollen und dann dafür sorgen, dass sie es auch kriegen.“

Bevor er nach Columbia kam, hat er in Alaska gearbeitet. In ähnlicher Stellung bei einer ähnlich großen Zeitung in einer ähnlich großen Stadt. Und: ein ähnlich „harter Markt“, wie er es einschätzt. Der „harte Markt“ ist zum einen das überall zu beobachtende Phänomen, dass regionalen Zeitungen ihre Anzeigenkunden abhandenkommen und zum anderen das Internetzeitalter mit seiner Gratiskultur und die Sozialen Medien.

Und dann ist da noch Donald Trump.

Sobald jemandem etwas nicht passt, ruft er: Fake News!

Der US-Präsident hat es sich zu einer Art Obsession werden lassen, auf Medien herumzuhacken. Jedenfalls auf denen, die Unliebsames über ihn berichten. Allen voran die „New York Times“, die er stets mit dem Adjektiv „failing“ versieht, „schwächelnd, angeschlagen“. Deren und andere Journalisten stehen unter Twitter-Dauerbeschuss. Trump behauptet, Soziale Medien seien für ihn der einzige Weg, um die „sehr unehrlichen und unfairen Medien zu bekämpfen“. Ein Großteil der Wut in der Gesellschaft, twitterte Trump auch nach der Serie von Briefbomben wieder, werde „verursacht durch absichtlich falsche und ungenaue Berichterstattung der Mainstream-Medien, die ich als Fake News bezeichne“. Medien machen Fake News. So flößt er es via Twitter praktisch der ganzen Welt seit bald zwei Jahren ein.

Bei der „New York Times“, die nahezu täglich Kritisches über Trump berichtet, hat das zu beträchtlichen Auflagenzuwächsen geführt. Die ist allerdings ohnehin ein Sonderfall. Ein Gigant mit Millionenauflage und einer mehr als tausendköpfigen Redaktion. Und dann noch aus New York, aus der Weltstadt schlechthin. Doch wie sieht es jenseits davon aus? In kleinen Städten, auf dem Land? Vom Süden Floridas bis in den fernen Westen Alaskas erscheinen insgesamt 7112 Tages- und Wochenzeitungen. Wie erleben deren Journalisten Trumps Attacken? Eine Reise ins amerikanische Kernland auf der Suche nach Antworten.

Columbia, knapp 1000 Meilen westlich von Washington D.C. gelegen, ist eine Universitätsstadt und hat mehrheitlich für Hillary Clinton gestimmt. Aber jenseits der Stadtgrenze ist Trumpland. Westmoreland hat Indizien dafür, dass die Tiraden aus dem Weißen Haus in seinem Einzugsgebiet bereits ihre Wirkung zu entfalten beginnen. Sobald jemandem nicht gefalle, was in der Zeitung stehe, sagt er, sobald etwas nicht ins eigene Bild passe oder einfach nicht wahr sein solle, werde der Vorwurf Fake News geäußert.

Westmoreland nennt ein Beispiel, das ihn geärgert hat. In Columbia kam das Gerücht auf, die Stadtverwaltung verstecke 300 Millionen US-Dollar in einem Schweizer Banktresor. Die „Tribune“ prüfte und berichtete ausführlich und unter Angabe von Links zu Quellen: Die Stadt habe zwar tatsächlich einen Reservefonds von 300 Millionen US-Dollar, der sei angelegt worden, um Bedienstete zu bezahlen oder Ausgaben wie Straßenreparaturen zu schultern. Das Geld lagere nicht in der Schweiz, sondern auf einem Konto bei der UBS, einer Schweizer Großbank mit Sitz in Zürich. Die einen Leser fühlen sich von den Recherchen aufgeklärt. Die anderen aber wollten nicht glauben, sie kultivierten ihr Misstrauen und riefen: Fake News!

Die Auflage der "New York Times" explodierte seit Trumps Wahl

Westmoreland fürchtet, dass die zwei Worte zu einem gängigen Ausdruck werden, „mit dem jeder um sich werfen kann, ohne zu verstehen, dass er damit den Journalismus diskreditiert“. Niemand stimme allem immer zu, sagt der Chefredakteur, aber er warnt: „Wenn es keinen glaubwürdigen Journalismus mehr gibt, weil niemand mehr irgendetwas glauben möchte, dann schadet das der Demokratie.“

Und so ist aus seinem Job mehr geworden als das Nachrichtengeschäft. Es geht jetzt immer auch um etwas Grundsätzliches. Um Demokratie, um Freiheit. Westmoreland ist deshalb umso überzeugter, dass Lokalmedien gebraucht werden. Wer, wenn nicht sie informieren und decken Missstände auf, etwa wenn es um fragwürdige Immobiliendeals geht, die Arbeit des Sheriffs, Korruptionsskandale der örtlichen Verwaltung? Wer kontrolliert die Mächtigen auch im Kleinen?

Die Relevanz der Lokalmedien zeigt sich in diesen Tagen besonders, da Amerika aufgerufen ist, bei den sogenannten Midterm Elections über Gouverneure, Abgeordnete der Bundesstaaten und in manchen Orten über Bürgermeister zu entscheiden. Wer kandidiert, wer kungelt, wer erfüllt seine Wahlversprechen? Das sind ihre Themen.

Es gibt Studien, die Westmoreland bestärken, die das Phänomen des „New York Times“-Auflagenzuwachses auch auf immateriellem Wege bestätigen: Nach Jahren schwindenden Zuspruchs steigt das Vertrauen der Leser in regionale Medien erstmals wieder. 73 Prozent der Amerikaner, unabhängig von ihren politischen Präferenzen, halten Lokalzeitungen für vertrauenswürdig. So vermeldet es das renommierte Poynter Institut. Die Lokalredaktionen genießen Vertrauen, weil Berichte von vor Ort für Leser leichter zu überprüfen sind. Auch das Pew-Forschungszentrum bestätigt den Trend: In einer entsprechenden Studie geben 82 Prozent an, ihren Heimatmedien Vertrauen entgegenzubringen. Zum Vergleich: In Deutschland liegt das Vertrauen in die Lokalzeitung in einer PWC-Studie lediglich bei 67 Prozent.

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